Ausstellung

Ein Berserker am Werk

Die beste Schau seit langer Zeit: Die Schaffenskraft von David Bowie ist im Martin-Gropius-Bau zu bewundern

Gleich hinter dem Eingang hängt das Bild des kleinen David Robert Jones. Er ist zu diesem Zeitpunkt zehn Monate alt und innerhalb der Rahmung sehen wir 42 Porträts. Er ist ein hübscher Junge, er lächelt auf nahezu jedem Bild, sie sind austauschbar. Am Ende der Ausstellung sehen wir 14 Porträts von dem Mann, der mittlerweile als David Bowie weltberühmt geworden ist. Es sind Aufnahmen aus den vergangenen 40 Jahren, ein Resümee zu Lebzeiten, die so wechselhaft waren wie Haarlänge und Kostümwahl andeuten.

Die Ein-Mann-Revolution

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die am morgigen Dienstag eröffnet, ist ein schönes Beispiel für den Unterschied zwischen etwas zu wissen und etwas zu kapieren. Natürlich ist es ja irgendwie Allgemeinwissen, dass David Bowie einer der Künstler war, der die 70er-Jahre so einschneidend geprägt hat, dass sein Einfluss bis heute zu erkennen ist. „Ich wollte eine Ein-Mann-Revolution starten“, sagte David Bowie einmal bei einem TV-Auftritt. Gut, das hat er wohl erreicht. Er gehört zu den wenigen Menschen, die von sich sagen können: Ich habe die Welt verändert. Mit seiner Single „Space Oddity“ 1969 startete David Bowie – und später mit seiner Kunstfigur Ziggy Stardust – eine Ära, die die Musik an sich wie auch das Geschäft der Popbranche neu erschuf. „David hat alles, was bisher da war, übertroffen“, sagt Elton John in der sehr empfehlenswerten BBC-Dokumentation „The story of Ziggy Stardust“, die auf Youtube zu sehen ist.

Aber die Genialität, die Einmaligkeit, die Schaffenskraft des David Bowie richtig kapieren kann erst der, der die Ausstellung besucht hat. Es ist eine überwältigende Schau, genau genommen die beste, die man in Berlin seit Jahren sehen konnte. Hier haben sich zwei getroffen, die wissen, wie man Kunst populär macht: David Bowie, der sein Leben reichlich dokumentierte, und das Victoria und Albert Museum, das Kunstgewerbe- und Designmuseum aus London mit 2,6 Millionen Besuchern pro Jahr.

Angekündigt wurde eine „multimediale Ausstellung“, und irgendwie wurde man im Vorfeld die Befürchtung nicht los, wieder pädagogisch wertvolles, aber doch eher langweiliges Geflacker geboten zu bekommen. Dem ist mitnichten so. Mit Spiegeln, Licht und Filmaufnahmen bekommen die Objekte eine Plastizität, als stünde der Geist des Meisters persönlich in der Halle. So steht in einer Installation eine Bowie-Puppe in einem Bodysuit, das zwischen mattem Rot, Blau und Grün changiert und im Hintergrund läuft das berühmte „Starman“-Video aus dem Jahre 1972. Beides gehören zusammen, die auch für den heutigen Betrachter ungewöhnliche Kleidungswahl, die Musik und das Medium. Schließlich verkaufte sich die „Starman“-Single erst eher mäßig und wurde erst durch seinen Auftritt bei „Top of the Pops“ bekannt. Es war gleichsam der Beginn der Karriere von Ziggy Stardust. Einige Räume weiter, sicherlich der zentrale Platz der Ausstellung, wird man Zeuge des Endes der Kunstfigur Ziggy Stardust. Das kam 1973 für das Londoner Publikum und seine Bandkollegen komplett überraschend. „Dies ist das letzte Konzert, das wir je machen“, sagte David Bowie vor der Schlussnummer „Rock and Roll Suicide“.

Und nun sehen wir, heute und heute in Berlin, Bowie überlebensgroß auf vier Monitoren an jeder Wandseite. „Life on Mars“, „Heros“, „Space Oddity“ werden so laut gespielt, dass sie auch in den anderen Räume noch gut zu hören sind. Hier ist es so wie praktisch während der gesamten Ausstellung: Man weiß gar nicht, wo man zu erst hinschauen soll. Die 300 Objekte – die Album-Cover, die Zeichnungen, der Briefwechsel mit Marlene Dietrich, die Bilder des von ihm bewunderten deutschen Expressionisten Erich Heckel, die Liedtexte, immer wieder lebensgroße Bowie-Puppen mit Kostümen, sein eisblauer Anzug von „Life on Mars“, Filmplakate auch von eher zweifelhaften Auftritten wie bei „Die letzte Versuchung Christi“ und etliche Musikvideos – spiegeln in ihre Fülle und Unübersichtlichkeit die geradezu triebhafte Schaffenskraft wider. Hier war kein Musiker, hier war ein künstlerischer Berserker am Werk, der interdisziplinär arbeitete, bevor das Wort in den Jargon der sogenannten Kreativen einzog.

David Bowie lässt sich musealisieren, ohne dass der Betrachter für eine Sekunde nur rührselig oder nostalgisch wird. Er erahnt den Zeitgeist und zwar insofern, dass eine neue Ära begonnen hatte. Wer von den Hippies geschockt war, der musste von den androgynen Auftritten des Ziggy Stardusts und David Bowie im Frauenkleid endgültig sprachlos sein. Spätestens mit dem Erscheinen Bowies ist die Klage über den Verfall der Sitten ein Klassiker der Gesellschaftskritik. Gesteigert wurde – je nach Moralvorstellung – Empörung, Aufmerksamkeit oder Hingabe dadurch, dass David Bowie über seine Bisexualität weit vor einer Zeit sprach, in der Outing gesellschaftlich in Ordnung ging.

Ausgerechnet in Berlin begann David Bowie einen neuen Anlauf, nachdem Drogen, Ziellosigkeit und Trübsinn ihn Mitte der 70er-Jahre ernsthaft aus der Bahn warfen. Was er in Berlin in den Jahren 1976 bis 1979 fand – und so gesehen hat sich die Stadt überhaupt nicht verändert –, war Anonymität. Natürlich wurde er in den Klubs erkannt, aber man ließ ihn in Ruhe. Schließlich war man ja, das galt auf jeden Fall für das Publikum des Dschungels in der Nürnberger Straße, selbst kurz davor berühmt zu werden.

Berlin hat seine Sicht verändert, auch weil die Stadt zweigeteilt war. Die Haltung, dass jeder so leben sollte, wie sie oder er es für richtig hält, wurde in Berlin gefestigt. „Er ist ohnehin Rebell, aber sie ist auch durch seine Zeit in Berlin begründet und weil er die beiden Seiten der Stadt gesehen hat“, sagt Geoffrey Marsh, einer der Londoner Kuratoren. Auf einer der Schautafeln ist ein schönes Zitat von Bowie über Berlin verewigt: „In dieser Stadt kann man sich leicht verlieren, aber sich auch selbst finden.“

Martin Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7: David Bowie, täglich von 10 bis 20 Uhr. Karten kann man online für einen festen Termin buchen: http://www.davidbowie-berlin.de/ . Laut Veranstalter entfallen so Wartezeiten. Erwachsene: 14,00 Euro, ohne Zeitfenster 25,00 Euro