Theater des Westens

Wo Caruso durchfiel

Tag der offenen Tür im Theater des Westens: Zehn Geschichten, die man kennen muss

Das Theater des Westens an der Kantstraße ist das pompöse Prachtstück unter den Berliner Bühnen. Und steht nach einer Geschichte voller Hits und Flops heute auf wirtschaftlich solidem Fundament. Seit das Charlottenburger Haus im Januar 2003 an den niederländischen Unterhaltungskonzern Stage Entertainment veräußert wurde, werden dort Musicalerfolge aus dem Stage-Repertoire aufgeführt. Erstmals geht mit „Die Gefährten“ zurzeit kein Musical, sondern ein Theaterstück über die Bühne, ein Drama aus dem Ersten Weltkrieg, dessen Herzstück lebensgroße Pferdepuppen sind. Am heutigen Sonntag lädt das Stage Theater des Westens beim „Tag der offenen Tür“ zu einem Blick hinter die Kulissen ein und zeigt Szenen aus „Gefährten“. Wir blicken auf zehn wichtige Ereignisse aus 118 Theaterjahren.

Der Mann, der das Theater baute: An der prunkvollen Vorderfront prangt ein Fries mit der Aufschrift „Hanc domum artis colendae causa condidit. Anno MDCCCLXXXXVI Bernhard Sehring“. Hier hat sich der Architekt verewigt mit den Worten „Dieses Haus gründete Bernhard Sehring im Jahr 1896 zur Pflege der Kunst“. Die damalige Großstadt Charlottenburg erlebte gerade ein rasantes Wachstum, hatte mehr als 100.000 Einwohner, aber kein einziges Theater. Bernhard Sehring hatte sich mit dem Theatermann Paul Blumenreich ein Gelände an der Kantstraße gesichert und auf den Bauzaun in großen Lettern „Theater des Westens“ aufmalen lassen. Mit nach heutigen Maßstäben eher windigen Finanzierungsmanövern konnte 1895 die Grundsteinlegung gefeiert werden. Am 1. Oktober 1896 wurde es mit dem Märchen „Tausendundeine Nacht“ von Holger Drachmann eröffnet.

Der Startenor, der sein Berlindebüt vorzeitig beendete: Der Neapolitaner Enrico Caruso gilt als der größte Tenor aller Zeiten. Er war gerade 20 Jahre alt, als er 1903 an der New Yorker Metropolitan Opera seinen internationalen Durchbruch in Verdis „Rigoletto“ feierte. Ein Jahr später wurde er bei seinem Berlindebüt im TdW als Herzog von Mantua in „Rigoletto“ gefeiert. Doch nur zwei Tage später, er sang den Alfredo in „La Traviata“, erhielt Caruso so negative Kritiken, dass der Startenor sein Gastspiel vorzeitig beendete. Seine Entschuldigung: Er habe sich im Bad seines Hotels am Knie verletzt. Verletzt war aber seine Eitelkeit. Denn auch für ein Wiederholungsgastspiel war er nicht mehr zu haben.

Die wilden Zwanziger und Tingeltangel im Souterrain: Über die Jahre wechselten die Direktoren des Theaters des Westens schneller als die Nummern im „Tingel-Tangel“. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs suchten die Berliner Zerstreuung. Und fanden sie im Theater des Westens bei Franz Léhars Operette „Die lustige Witwe“. Man setzte auf große Operette und Revuen, während im Souterrain eine kleine Revolution vor sich ging. Dort eröffnete Trude Hesterberg 1921 ihre „Wilde Bühne“, eine der wichtigsten Kabarettadressen Berlins. Kurt Tucholsky und Walter Mehring, Blandine Ebinger und Joachim Ringelnatz, Curt Bois und Margo Lion traten hier auf. Und der gerade mal 23 Jahre alte Bertolt Brecht. 1931 eröffnete Friedrich Hollaender in den Räumen sein „Tingel-Tangel-Theater“, in dem selbst Marlene Dietrich auf die Bühne stieg, um ihre Welthits aus dem „Blauen Engel“ zu singen. 1935 wurde das „Tingel-Tangel-Theater“ von den Nazis geschlossen. Friedrich Hollaender hatte Deutschland bereits zwei Jahre zuvor verlassen.

Die erste Oper nach dem Krieg: Da die Deutsche Oper an der Bismarckstraße im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, fand sie nach Kriegsende ihr neues Domizil im Theater des Westens. Nach provisorischer Wiederherstellung des Daches war am 14. Mai 1945 Heinz Tietjen vom Stadtkommandanten Nikolai Erastowitsch Bersarin zum Leiter aller Operntheater der Stadt Berlin bestimmt worden. Tietjen berief Michael Bohnen zum Intendanten der Städtischen Oper. „Die erste Opernaufführung in Berlin nach dem Kriege“ stand auf der Einladungskarte für die Aufführung von Ludwig van Beethovens „Fidelio“ am 4. September 1945. Drei Jahre später begann hier die Karriere von Dietrich Fischer-Dieskau, der in Verdis „Don Carlos“ an der Kantstraße gefeiert wurde.

Das Musical kehrt ein an der Kantstraße: Am 25. Oktober 1961 hielt das Musical Einzug ins Theater des Westens. Hans Wölffer, Leiter der Komödie am Kurfürstendamm, wurde neuer Intendant und konnte sich die Rechte für die deutsche Erstaufführung des Musicals „My Fair Lady“ sichern. Robert Gilbert übertrug das Libretto ins Deutsche, wobei er klugerweise den Londoner Cockney-Slang des Originals ins Berlinische übertrug. Premierenvorbereitungen in Krisenzeiten: Während das Theater des Westens für den Neustart umgebaut wurde, wurde am 13. August 1961 die Mauer errichtet. „My Fair Lady“ mit Karin Huebner als Blumenmädchen Eliza und Paul Hubschmid als Professor Higgins wurde zu einem Riesenerfolg. Rund zwei Jahre lief das Stück. Ein Erfolg, den Wölffer mit „Annie Get Your Gun“ mit Heidi Brühl nicht mehr wiederholen konnte.

Zurück im Operetten-Land des Lächelns: Nach Oper und Musical verlegte sich das Theater des Westens 1964 wieder auf das Kerngeschäft Operette. Mit dem neuen Intendanten Karl-Heinz Stracke wurde ab 1964 das Repertoire ausgebreitet, angefangen mit Léhars „Die lustige Witwe“. Stracke setzte auf wohlbekannte Melodien und große Namen. Und holte sich als Danilo Johannes Heesters ans Haus. Für Peter Kreuders „Die Lady aus Paris“ verpflichtete er 1965 Zarah Leander, Vico Torriani war der Zahlkellner Leopold im „Weißen Rössl“, Marika Rökk sang und tanzte in der „Blume von Hawaii“. Stracke pflegte die heile Operettenwelt, während vor der Tür die Studentenunruhen tobten.

Ein Käfig voller Narren: Es war letztlich einem Zufall geschuldet, dass das Theater des Westens 1985 einen Hit landete, wie zuletzt nur 1961 mit „My Fair Lady“. Kurz vor der deutschsprachigen Uraufführung von „La Cage Aux Folles“ fiel der Hauptdarsteller wegen Krankheit aus. Was tun? Regisseur Helmut Baumann, Tänzer, Schauspieler und Sänger, rasierte sich die für das Stück notwendige Glatze, stieg in einen Berg von Schminke und Fummel und spielte selbst die Rolle des zickig-charmanten Albin, der im Nachtclub „La Cage Aux Folles“ allabendlich als Zaza Höhepunkt der Show ist. „Es war eine Zitterpartie“, erinnert sich Baumann an den Premieren-Notfall, der ihn über Nacht ins Rampenlicht gezerrt hatte. Baumann war seit 1984 unter dem Intendanten Götz Friedrich künstlerischer Leiter des Theaters, seit 1993 auch Intendant des Hauses.

Der letzte Akt vor der Privatisierung: Der österreichische Regisseur und Produzent Elmar Ottenthal konnte mit seinem Musical „Gaudi“ einen überragenden Erfolg am Aachener Theater verbuchen. Was für den Berliner Senat offenbar Grund genug war, ihn 1999 zum neuen Intendanten des mit jährlich 20 Millionen DM subventionierten Theaters des Westens zu berufen. Ottenthal ist ein Visionär, der mitunter aber übers Ziel hinausschießt. Neben einer eingekauften Inszenierung des Hit-Musicals „Chicago“ sorgte er am Theater des Westens für einen Publikumserfolg mit der schrillen Eigenproduktion „FMA – Falco Meets Amadeus“, landete aber mit seinem zweiten Stück „Schweyk it easy“ einen gewaltigen Flop. Zurück blieb ein hoher Schuldenberg, weshalb die Stadt beschloss, das Haus in private Hände zu geben. Ottenthal fühlte sich ungerecht behandelt und verzog sich für vier Jahre nach China.

Der Neuanfang mit Stage Entertainment: Im September 2003 begann mit der Premiere des Musicalerfolgs „Les Misérables“ eine neue Ära an der Kantstraße. Nachdem sich Berlin dazu entschlossen hatte, das Haus zu privatisieren, übernahm der holländische Unterhaltungskonzern Stage Entertainment von Joop van den Ende das Traditionshaus. Und polierte es für rund 10 Millionen Euro ordentlich auf.

Steckrübensuppe zum Tag der offenen Tür. Mit „Gefährten“ steht erstmals im Stage Theater des Westens kein Musical, sondern ein Theaterstück auf dem Spielplan. „Gefährten“ erzählt, vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs, von der Freundschaft zwischen einem englischen Bauernjungen und seinem geliebten Pferd. Heute lädt das Haus von 13.30 bis 17.30 Uhr zum Tag der offenen Tür. Es gibt Bühnenrundgänge, Puppenspiel-Workshops, eine Fragerunde und eine Lesung aus Michael Morpurgos Jugendbuch „Gefährten“, das dem Stück zugrunde liegt. Schauspieler Heinz Hoenig schenkt im Hof seine selbst gekochte Steckrübensuppe aus. Ab 16.30 Uhr werden Szenen aus „Gefährten“ aufgeführt. Der Eintritt ist frei.