Klassik-Kritik

Die Philharmoniker verneigen sich tief vor Claudio Abbado

Ein überraschender Anblick in der Philharmonie: Das Orchester sitzt da, scheint auf seinen Dirigenten zu warten. Doch das graue Podest bleibt leer. Claudio Abbado, im Januar verstorben – er hätte dieses Konzert leiten sollen. Dieses eine Konzert im Jahr, mit dem der ehemalige Chefdirigent bisher in feierlicher Regelmäßigkeit den Kontakt zu seinen Philharmonikern gehalten hat.

Das Programmheft weist nun Sir Simon Rattle als Ersatz aus. Für die erste Konzerthälfte trifft das allerdings nur bedingt zu. Denn Rattle hört seine Musiker aus der Ferne. Er weilt in Block A, Reihe 9. Daishin Kashimoto, der erste Konzertmeister, nimmt die Führung an sich. Er lässt Schuberts berühmtes Andantino aus der „Rosamunde“-Bühnenmusik ganz im Geiste Abbados atmen. Ein Schubert wie ein Gebet: sehr andächtig, sehr innig, sehr bedeutungsvoll. Die Philharmoniker erheben sich danach mit gesenktem Blick von ihren Sitzen. Das Publikum tut es ihnen gleich. Die Augen des jungen Konzertmeisters füllen sich mit Tränen. Der Verlust, der Abbados Tod bedeutet, wird an diesem Abend besonders spürbar. Aber auch der Gewinn, den die Philharmoniker aus der Arbeit mit dem hochgeschätzten Dirigenten gezogen haben: Der Abbado-Klang lebt in ihnen fort. Einmal mehr wird das in Mozarts G-Dur-Violinkonzert KV 218 deutlich. Auch hier ohne Dirigent, dafür mit einem flexiblen, ausdrucksstarken Frank Peter Zimmermann als Solisten. Der Applaus danach mutet nicht überschwänglich an, doch am großartigen Zimmermann kann das kaum gelegen haben. Eher wohl gilt die Publikumszurückhaltung dem Gedenken an Abbado, der dieses Mozart-Violinkonzert besonders geliebt hat.

Nach der Pause kommt Rattle. Abbado hatte sich auch Bruckners Siebte Sinfonie aufs Programm gewünscht. Jenes Werk, mit dem sich Rattle vor einem Jahr recht schwer getan hatte. Doch an diesem besonderen Abend, da stimmt alles. Die Philharmoniker schwelgen im inspirierenden Wir-Gefühl. Rattles Bruckner wurzelt im Hier und Jetzt. Die Streicher prangen in so dunkelsatten Farben, dass man sich vor Verwunderung die Ohren reiben möchte. Ist das wirklich Rattle, dem vor nicht allzu langer Zeit vorgeworfen wurde, er würde den Streicherklang der Philharmoniker bleichen? Der monumentale Kopfsatz gerät in seinen schier unerschöpflichen Steigerungen zur puren Sensation. Auch bei den heftigsten Blechbläserattacken halten die Streicher voluminös dagegen. Der langsame Satz gleicht einem gedehnten Requiem. Das Finale brodelt über vor Lebensdrang. Nach dem ohrenberstenden Schlussakkord harrt der Saal eine halbe Minute in schweigendem Gedenken an Maestro Abbado. Ein großer Abend. Ein Abend, der lange nachwirkt.