Abschied

Schurken aus Schillers Schule klingen einfach besser

Theaterlegende Rolf Boysen stirbt 94-jährig in München

Dass sich hinter dem knarzenden Bass des Theater-Recken Rolf Boysen ein Fiesling verbarg, zeigte sich auf der Bühne nie. Aber im Film. Hier synchronisierte er Bela Lugosi als Dracula. Hier lieh er Leonard Nimroy und Eli Walach die Stimme. Hier konnte man erkennen, dass ein Schuft schurkiger – und einfach besser – klingt, wenn er sein Handwerk bei Schiller gelernt hat. Bei Shakespeare sowieso. Der umschwärmte Liebling der Münchner Theaterwelt war jahrzehntelang die Inkarnation alter Schule auf den Brettern der Münchner Kammerspiele – und später, nach dem Wechsel von Dieter Dorn, am Residenztheater. Sein norddeutsches Seebär-Idiom qualifizierte ihn als Beispiel dafür, dass Dialektfärbungen, die in der Heimat als Beschränkung aufgefasst werden, in der Fremde exotisch wirken.

Prachtrollen dieses Urgesteins waren Shylock im „Kaufmann von Venedig“, der Karl in Thomas Bernhards „Der Schein trügt“ oder schlicht „König Lear“ – alle unter der Regie seines Lebens-Regisseurs Dieter Dorn. Warum Urgestein? Weil er ein Monument bewusst steifer Sprechkunst und Klassiker-Exegese war. Ein Kraftpaket der Reduktion und der Kondensation. Ein Schauspieler, der sich vor Pathos nicht fürchtete. Er verstand es, durch Härte zu erweichen. Durch Statur Bewegung in eine Sache zu bringen. Er war kein Körper-, sondern ein Sprachspieler. Ein Verdichter. Die Münchner waren entzückt.

Geboren am 31. März 1920 am obersten Ende Deutschlands, an der Flensburger Förde, war Boysen 1939 genau im richtigen Alter, um als potenzielles Kanonenfutter für den Zweiten Weltkrieg zu dienen. Erst nach dem Krieg nahm er Schauspielunterricht. Eine solide Tour führte ihn durch die Stadttheater von Dortmund, Kiel, Hannover und Bochum. 1957 kam er an die Münchner Kammerspiele, wo er 1962 Othello unter der Regie von Fritz Kortner spielte. Erwin Piscator besetzte ihn als Alba im „Don Carlos“. 1968 ging er für zehn Jahre ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg.

Längst hatte er ein Netz geknüpft, das es ihm 1978 erlaubte, sich als Theaterkönig ganz nach München zurückziehen. Wer ihn sehen wollte, musste eben hinfahren. Einer gediegenen Theaterästhetik verhaftet, spezialisierte sich Boysen auf Solo-Abende und Lesungen. Vielteilige Live-Zyklen mit Homers „Ilias“ und Ovids „Metamorphosen“, dem „Nibelungenlied“ und Dantes „Göttlicher Komödie“ besiegelten seinen Ruf als „Altmeister der Sprechkunst“.

Wo immer heute Dramen von Goethe oder Schiller aufgeführt werden, mag man sich wehmütig an Rolf Boysen zurückerinnern. Seine Sprechkultur an die nachfolgende Generation weiterzugeben, scheint ihm nicht gelungen zu sein. Durch seine Söhne, den Schauspieler Markus Boysen und den Opernregisseur Peer Boysen, begründete er eine kleine Theaterdynastie. Nach dem Rückzug von Dieter Dorn 2011 wurde es stiller um den inzwischen über 90-Jährigen.

In seinem autobiographischen „Nachdenken über Theater“ gab sich Boysen auch als Bühnenphilosoph. Schon sein eigentlicher Lehrer, Fritz Kortner, hatte ihm in einer Art Erweckungserlebnis sein wahres Credo mit auf den Weg gegeben. Wenn sich bei Proben, so Boysen, auf dem Gesicht eines Schauspielers „Komödiantenfalten“ bildeten, hätte Kortner, sich selbst bewölkend, stets eine Geste vollführt, die mit der flachen Hand vom Kinn bis über die Stirn fuhr. Als wolle er einen Vorhang über dem Gesicht lüften. Dann sagte Kortner: „Lassen Sie das! Machen Sie Platz für den Ausdruck.“

Mit Rolf Boysen starb jetzt einer der großen, prägenden Zeugen des deutschen Theaters. Einer der wenigen, die feierlich werden konnten, ohne zu langweilen.