Kino

Suche nach den ersten guten Filmen in Cannes

Revolution, Anmut und ein stummer Boykott zum Auftakt des Filmfestivals

Zuerst die wichtigen Nebenher-Nachrichten des 67. Filmfestivals von Cannes. Die Taxifahrer der Region streiken gegen die grassierende Konkurrenz der Limousinendienste. Ein britischer Finanzhai wird Senator übernehmen, eine der traditionsreichsten deutschen Filmfirmen. Gilles Jacob, der scheidende Präsident der Festspiele, hat vorgeschlagen, den drei Jahrzehnte alten Festivalpalast – auch bekannt als Bunker – abzureißen und einen neuen zu bauen, auch am Strand zwar, aber vier Kilometer entfernt. Der Schwerpunkt des Festivals würde sich aus der Innenstadt heraus verlagern, es wäre revolutionär.

Die Roter-Teppich-Astrologen hatten am Eröffnungsabend viel Gelegenheit zum Spekulieren, denn Nicole Kidman als Star von „Grace of Monaco“ stöckelte zwar an den Fotografen vorbei, aber die Fehlenden sorgten für mehr Getuschel. Die monegassische Königsfamilie boykottierte die Filmbiografie ihrer Fürstenmutter. Hatte man das anfangs für eine Beleidigte-Leberwurst-Reaktion gehalten, so konnte man nach der Premiere nicht anders, als den Royals zu ihrem Filmgeschmack zu gratulieren. Selten hat ein Regisseur aus so saftigem Material ein derart hölzernes Werk geschnitzt, selten ein Eröffnungsfilm an der Croisette so viel Häme auf sich gezogen.

Ein anderer Abwesender war Harvey Weinstein, der sich diese Bühne sonst um nichts in der Welt entgehen lässt. Er ist außerdem der amerikanische Verleiher von „Grace of Monaco“ und befindet sich seit Monaten im Dauerstreit mit Regisseur Olivier Dahan. Weinstein hat angeblich eine eigene Fassung von „Grace“ geschnitten, mit weniger Dunkelheit und mehr Glamour, aber man wird das Gefühl nicht los, dass der Film auch so nicht zu retten ist. Weinstein war absent und ließ mitteilen, er habe dringend ein syrisches Flüchtlingslager im Nahen Osten besuchen müssen, wegen humanitärer Hilfe. Wenn das Schule macht, werden sich die roten Teppiche rapide leeren. Sah man den ersten echten Wettbewerbsfilm, hätte Weinstein gleich weiter reisen können, tiefer nach Afrika hinein, nach „Timbuktu“.

Der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako schildert die Ankunft religiöser Fundamentalisten, die auf Motorrädern und mit Maschinenpistolen durch die Straßen fahren und per Megaphon ihre neuen Gesetze verkünden: Musik ist verboten, Frauen müssen auch Füße und Hände verhüllen, Ehebruch wird mit Steinigung bestraft. Seine Sympathie ist auf der Seite der Drangsalierten – aber er geht mit Kenntnis an die Lage heran, nicht mit Moral.

Trotz Einschüchterung und Steinigung: „Timbuktu“ hat zuweilen fast Postkartenansichten, wahrscheinlich ist es auch der Kontrast zwischen dieser betörenden Schönheit und der ihr innewohnenden verstörenden Brutalität, der haften bleibt. Hier liegt die einzige Verbindung zu Mike Leighs Film „Mr. Turner“, der die letzten Jahre im Leben des britischen Landschaftsmalers William Turner (1775–1851) schildert.

Turner ist kein Van Gogh, der sich die Ohren abschneidet, und kein Picasso, der seine Musen wechselt wie Pinsel. Man muss sich auf Turners Exzentrizität einlassen, die Timothy Spall wunderbar verkörpert. Mr. Turner ist einer jener Charaktere, deren menschliche Unzulänglichkeiten man gegen ihr Genie aufrechnen muss. Er verleugnet seine Kinder und zieht incognito mit einer Witwe zusammen. Aber dafür bringt er Anarchie in die staubige Kunstakademie, entwickelt die Malerei vom Figürlichen zu einem frühen Impressionismus und entwickelt sich zu einem, der zugleich gehasst und verehrt ist von Kollegen, Öffentlichkeit und Königshaus.

„Mr. Turner“ ist ein Ausreißer von Mike Leigh aus seinem sozialrealistischen Umfeld und ein durchaus willkommener. Doch nun warten wir auf die Schwergewichte: Egoyan, Ceylan, Cronenberg, die Dardennes.