Klassik-Kritik

Star-Geigerin und Pianist feiern Silberhochzeit

Anne-Sophie Mutters mahlende Muskeln in der Philharmonie

Wie ein Ehepaar wirken sie nicht gerade, doch Silberhochzeit feiern sie trotzdem: Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis, die Stargeigerin und ihr Begleiter. Seit einem Vierteljahrhundert ziehen sie als erfolgreiches Kammermusik-Duo um die Welt. Ein treues Publikum ist ihnen sicher, auch wenn Anne-Sophie Mutter diesmal mit Krysztof Penderecki einige freie Sitzplätze riskiert. Zunächst kommt die Geigerin allein in die Philharmonie. Verströmt die Aura einer Diva. Präsentiert sich im roten Meerjungfrauenkleid, in roten High Heels. Um ihr mädchenhaft gewinnendes Lächeln prangt Mutters schaumgefestigte Mähne. Rücken und Arme liegen frei. Sie bieten spektakuläre Sicht auf Mutters mahlende Muskeln.

Mit Pendereckis „Follia“-Variationen zu Beginn wirbt die Geigerin nachdrücklich für eine traditionsbewusst tönende Moderne. Der polnische Komponist hatte ihr das Werk erst im letzten Jahr gewidmet – als Geschenk zu ihrem 50. Geburtstag. Effektvoll selbstbewusst verleibt sich Anne-Sophie Mutter die „Follia“-Variationen ein. Auch Ex-Ehemann André Previn hat auf ihre Anregung hin mehrfach zur Feder gegriffen. Ebenfalls neueren Datums ist seine Violinsonate Nr. 2, eine Schatzkiste voll munterer Stilwendungen: Da flirten Pop und Jazz recht ungeniert ins 19. Jahrhundert, da balgt sich spätromantischer Rachmaninoff mit neoklassizistischem Prokofieff.

Lambert Orkis dient Anne-Sophie Mutter als perfekt kultivierter Partner. Er schafft, was Orchester und Dirigenten nur selten schaffen: mit der Solistin gemeinsam zu atmen. Vor dem Hintergrund von Orkis’ souveräner Verlässlichkeit, seiner formvollendeten Klanggestaltung wirken Anne-Sophie Mutters Extravaganzen milder, ja glaubwürdiger als sonst. Die künstlich zu hoch geschraubten Töne erzeugen leidenschaftliches Verzücken, die künstlich zu tief gesenkten Klänge lassen schaudern. Und auch Mutters oft so bedeutungsschwangeres Vibrato zeigt sich unter Orkis’ Einfluss deutlich gezähmter. Kurzum: Der Pianist tut ihr gut, auch nach 25 Jahren. In seiner Gegenwart lässt sich Anne-Sophie Mutter auf der wahren Höhe ihrer Kunst erleben.

Wenn es jedoch in Mozarts e-Moll-Violinsonate KV 304 und Beethovens Kreutzer-Sonate darum geht, pianistisch hervorzuschnellen, auch mal über die Geige zu triumphieren – dann scheut Orkis vornehm zurück. Dies scheint die Grundvoraussetzung für die langjährige Erfolgsliaison: Anne-Sophie Mutter steht als Star stets unangefochten im Vordergrund. Zum Schluss schwelgt das Publikum vor Begeisterung und erstürmt sich zwei wildrührende Zugaben.