Kulturpolitik

Kritik am Fördersystem für die freie Szene

Zu wenig Geld: Zeitgenössische Oper geht leer aus

Mut zur Veränderung kann sich auszahlen: Ein Musterbeispiel dafür ist das English Theatre in Kreuzberg. Die kleine Bühne, die sich ihre Spielstätte an der Fidicinstraße mit dem Theater Thikwa teilt, stand vor dem Aus, nachdem eine Jury vor zwei Jahren die Streichung der öffentlichen Zuschüsse empfohlen hatte. Begründung: mangelnde künstlerische Innovation. Eine Basisförderung in Höhe von 100.000 Euro wurde damals lediglich für 2013 gewährt.

Günther Grosser und Bernd Hoffmeister, die beiden Leiter der Bühne, haben reagiert, mit Daniel Brunets ihr Leitungsteam verstärkt, die Öffentlichkeitsarbeit ausgebaut – und können nun die Früchte ihrer Arbeit einfahren. Die Jury kommt jetzt zu dem Schluss, dass das „Haus stark an Profil gewonnen hat“ und sich in der „öffentlichen Wahrnehmung nach längerer Durststrecke wieder als innovative, aktive Spielstätte etabliert“ hat. Der Lohn: In den kommenden zwei Jahren wird das English Theatre wieder in die Basisförderung aufgenommen und erhält jeweils 120.000 Euro.

Eine Erfolgsgeschichte. Weil aber die Mittel in diesem Topf beschränkt sind, steht einem Aufstieg meistens auch ein Abstieg gegenüber. Die Verlierer der in dieser Woche vorgestellten Förderempfehlungen sind unter anderem die Tanzcompagnie Rubato, das Ensemble MS Schrittmacher um die Choreografen Martin Stiefermann und die Zeitgenössische Oper. In allen drei Fällen hat die Jury die Nicht-Förderung ausdrücklich bedauert und darauf verweisen, dass ihr Votum nicht aus künstlerischen, sondern aus finanziellen Gründen erfolgt sei. Gut fünf Millionen Euro stehen für die zweijährige Basis- und Spielstätten-Förderung zur Verfügung. Eine von der Senatskulturverwaltung berufene Jury schaut sich Vorstellungen an, bewertet die künstlerische Arbeit und gibt Empfehlungen. Die sollten ursprünglich vom Kulturstaatssekretär übernommen werden, aber davon ist nur noch eingeschränkt die Rede – was die Jury wie die Opposition gleichermaßen erzürnt.

Sabine Bangert, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, rechnet vor, dass „über eine Million Euro“ und damit mehr als ein Fünftel der Fördermittel „fest gebunden sind“. Mit diesem Geld sollen auf Wunsch des Parlaments bzw. der Kulturverwaltung die Hans Wurst Nachfahren und das Musiktheater Atze unterstützt werden. Dass das Atze im Rahmen der Basisförderung 870.00 Euro erhält, sieht die Jury als „problematisch“ an, denn das Theater „gleicht in seiner Struktur, Größe und Organisationsform eher einem Stadttheater als einer freien Gruppe und ist wesentlich höher gefördert als alle anderen basisgeförderten Gruppen“.

Für Sabine Bangert, die dem Fördersystem strukturelle Mängel attestiert, ließe sich das Problem kurzfristig durch eine Erhöhung der Mittel lösen: „Wir brauchen neun Millionen Euro in diesem Topf, damit alle von der Jury als förderwürdig eingestuften Gruppen unterstützt werden können.“ Aufs Haushaltsjahr umgerechnet wären das zwei Millionen Euro mehr. Woher sollen die kommen? „Aus den Einnahmen der City Tax, die ja ursprünglich für die freie Szene gedacht waren“, meint Sabine Bangert.