Konzert

„I’m not dead!“

Lässig und charmant tritt der 74-jährige Sänger Cliff Richard in der O2 World auf

Er nimmt das Alter mit Humor. „Neulich war ich in einem Restaurant in Paris“, erzählt Cliff Richard im Verlauf seines Berlin-Konzerts. „Da kam der Maitre d’hotel an meinen Tisch und fragte: Wie ist ihr Name? Ich sage: Mein Name ist Cliff Richard. Und er sagt“, Richard lässt sich die Pointe auf der Zunge zergehen, „das kann nicht sein, der ist doch schon längst tot.“ Das Publikum ist amüsiert. Der inzwischen 74-jährige Entertainer setzt sein spitzbübischstes Grinsen auf und stellt klar: „I’m not dead!“ Lässig, charmant und durchtrainiert steht er vor rund 3500 Besuchern auf der Bühne der O2 World und lässt mehr als ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte Revue passieren.

Wie macht der das bloß? Den Pop-Opa nimmt diesem geradezu unheimlich jugendlich wirkenden Sonnyboy im schwarzen Dinnerjacket keiner ab. Seit mehr als 55 Jahren ist er im Geschäft. Rund 250 Millionen Platten hat er in seiner Karriere verkauft. Er hat die wilden Anfänge des Rock ’n’ Roll in Großbritannien am eigenen Leibe erlebt. Mit den Gitarrenhelden The Shadows hat er in den 50er- und 60er-Jahren die britische Insel aufgemischt und später keine noch so banale Grenzüberschreitung in Richtung Pop und Schlager gescheut. Mit seinen Helden Jerry Lee Lewis und Elvis Presley wurde er groß. Und mit seiner neuen Bühnenshow geht der in Indien geborene Brite genau an diese Anfänge zurück.

„The Fabulous Rock ’n’ Roll Songbook“ heißt Cliff Richards gefühlt 100. Album, das im vergangenen Jahr erschienen ist und auf dem er amerikanischen Weggefährten wie Little Richard, Chuck Berry oder den Everly Brothers Tribut zollt. Auf seine immer nette, unaufdringliche, musikverliebte Weise. Schließlich war Richard stets der massenwirksame Teenager mit guten Manieren. Die Amerikaner hatten Elvis. Die Deutschen hatten Peter Kraus. Und die Briten hatten Cliff Richard, der mit seinem Mix aus Party-Rock-’n’-Roll und Herzschmerz-Balladen schon bald die ganze Welt erobern sollte.

Die Spannung knistert in der Mehrzweckhalle, als die Londoner Doo-Wop-Gesangstruppe The Overtones mit Klassikern wie „Runaway“, „Runaround Sue“ oder „Why Do Fools Fall In Love“ auf den Abend einstimmt. Als Cliff Richard ohne große Umbaupause im Anschluss mit Chuck Berrys „Reelin’ and Rockin’“ ins Rampenlicht steigt, kommt Bewegung ins Auditorium. Er geht direkt über in seinen weniger bekannten Song „My Kinda Life“, als wolle er damit manifestieren, worum es ihm geht: um die Show, um die Bühne, um ein Leben für die Musik.

Während seine Kollegen einem ausschweifenden Rock-’n’-Roller-Lebenswandel voller Sex und Drogen nie abgeneigt waren, lebte Cliff Richard schon immer der Zeit ungemäß gesund. Er trank keinen Alkohol, obwohl er heute Herr über ein Weingut in Portugal ist. Er stieg nicht gleich mit jedem neuen Flirt ins Bett. Und Drogen ließ er schon gar nicht gelten. Dafür fand er seine Erfüllung im Christentum,.

Acht routinierte Musiker und eine stimmversierte Sängerin stärken dem singenden, tanzenden, hüft- und hinternwackelnden Entertainer den Rücken. Er kann sich auf besten Sound und eine ausgefeilte Lichtregie verlassen. Er ist gut bei Stimme und unterhält seine Fans ausdauernd und professionell mehr als zwei Stunden lang. Hier, im gleißend bunten Licht der Scheinwerfer ist seine Welt. Jede Menge Coversongs finden sich im Programm. Johnny Otis’ „Willie And The Hand Jive“ etwa, Buddy Hollys „Rave On“ oder „Rip It Up“ von Little Richard.

Zwischen all den liebgewonnenen Rock-Oldies bleibt immer wieder Platz für eigene Hits. Wie „Congratulations“, mit dem er es beim Schlager-Grand-Prix 1968 den zweiten Platz schaffte. Sein deutsch gesungener Nummer-1-Hit „Rote Lippen soll man küssen“ ist dabei und auch ein neues deutsches Lied singt er. „Schmetterlingsküsse“ heißt die Ballade und sie trieft vor Querflöten-Kitsch und Tränenduselei.

Mit „Devil Woman“ schaffte er es 1976 bis in die Top 20 der US-Billboard-Charts. Inzwischen trägt auch ein von Sir Cliff herausgegebenes Parfum diesen Namen. Und „We Don’t Talk Anymore“ war 1979 ein Nummer-1-Hit. Nun steht der Song am Ende einer Popshow voller Erinnerungen mit einem Sänger, für den all diese Lieder so etwas wie ein Jungbrunnen sind. Einer Legende wird gehuldigt. Er kann im Applaus baden. Mit Bobby Freemans „Do You Wanna Dance“ als allerletzte Zugabe schickt der ritterliche Glücksbringer seine treuen Fans in die kalte Nacht.