Roman

Ich ist ein Anderer

Jeden Tag in einem neuen Körper aufwachen: Davon erzählt David Levithan in „Letztendlich sind wir dem Universum egal“

Einmal ein anderer sein. Mit dem Alltag brechen. Den Rattenschwanz der eigenen Biografie ignorieren. Das klingt, zumindest als Gedankenspiel, ganz reizvoll. Bei David Levithan aber wird das zum Alptraum. Weil es seinem Protagonisten täglich so ergeht. Jeden Morgen aufs Neue wacht er in einem fremden Bett auf. Und muss erst mal in den Spiegel gucken. Ob er ein Junge ist oder ein Mädchen. Ob er schwarz ist oder weiß.

Das ist natürlich ein Hirngespinst. Aber aus Hirngespinsten lassen sich ja oft die schönsten Bücher drechseln. Denken wir an Audrey Niffeneggers „Die Frau des Zeitreisenden“, wo ein Mann permanent durch die Zeit flutscht und seiner großen Liebe mal als erwachsene Frau, mal als Kind begegnet. Oder Andrew Sean Greers „Erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“, wo ein Mann als Greis geboren wird, immer jünger wird und sich seiner großen Liebe auch auf mehrfache Weise nähert, mal väterlich und mal als dessen Pflegekind.

Lassen wir uns also auf dieses Gedankenspiel, dieses Was-wäre-wenn-Spiel ein. An einem Tag ist die Hauptfigur, die sich schlicht „A“ nennt, eine attraktive Schwarze, der die Welt zu Füßen liegt, dann wieder ein übergewichtiger Junge, den keiner anguckt. Mal ein athletischer Sportler, mal eine manisch Depressive. Mal liebt er als Junge einen Jungen oder ist als Mädchen unglücklich verliebt. A hat kein eigenes Geschlecht, keine eigene Geschichte. Er hat auch keine Familie oder Freunde, denen er sich je anvertrauen könnte. Weil er am nächsten Tag ja schon wieder ein anderer ist. Nie wird erklärt, wie und warum es zu diesem Körperhopping kommt. A hat gelernt, damit umzugehen. Und sich so zu verhalten, dass die Umwelt nicht gar zu sehr staunt, dass er/sie nicht ganz der-/dieselbe ist. Nur so viel ist klar: Er findet sich immer in Gleichaltrigen wieder. Und die wohnen höchstens ein paar Autostunden entfernt.

Eine absurde, aber immens unterhaltsame Grundidee, die David Levithan da ausbreitet. Und zu einem tiefsinnigen, doppelbödigen Roman über Selbstfindung, Anpassung und Rollenverhalten verwebt. Seine Hauptfigur ist 16. Das schwierige Alter, in dem man auf seine eigene Identität, seine aufkommende Sexualität gestoßen wird. Das Alter, in dem man mit sich selbst hadert und sich oft fremd im eigenen Körper fühlt. Ein Gefühl, das man nur allzu gut kennt, auch wenn man längst aus dem Alter raus ist. A ist damit so etwas wie die personifizierte Multikulti-Idee, die gelebte Toleranz: Sei, wie du bist. Denn auch wenn man nicht jeden Menschen sympathisch finden kann, in dessen Haut man für einen Tag steckt, so muss man ihm doch mit Respekt begegnen.

Und in jedem, das ist so eine Botschaft dieses Buchs – das sich aber mit Botschaften sehr zurückhält und ein paar Wahrheiten über Religionen oder Klassen nur so nebenbei einfließen lässt – stecken unendliche viele Möglichkeiten. Man muss sie nur ausschöpfen.

Das allein würde schon ein Buch füllen. Aber Levithan geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. Und das schon im ersten Kapitel. Es ist der 5994. Tag. A heißt diesmal Justin, ist ziemlich unsympathisch und geht nicht sehr nett mit seiner Freundin Rhiannon um. Aber dann passiert etwas Unerwartetes: A verliebt sich in eben diese Rhiannon. Er tut etwas, was sein ‚Wirt‘ nie tun würde: Er fährt für einen Tag mit ihr ans Meer. Und auch sie erlebt etwas ganz Besonderes an diesem Tag: Plötzlich ist ihr Freund mal so, wie sie ihn sich immer gewünscht hat. Am nächsten Tag war’s das natürlich schon wieder. Aber zum ersten Mal will A nicht vergessen, will das Mädchen wieder sehen. Er bricht mit allen Regeln, die er sich aufgestellt hat. Und traut sich allen Ernstes, sich Rhiannon erneut zu nähern. Auch in anderen Körpern. Das hat natürlich auch für die ‚Wirte’ Konsequenzen, die plötzlich für einen Tag nicht mehr ihren Gewohnheiten nachgehen.

An dieser Stelle wird Levithans A ein Bruder, eine Schwester im Geiste von Greers Max Tivoli und Niffeneggers Zeitreisendem. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ ist eine mehr als schräge Liebesgeschichte, die das ausgelutschte Klischee, dass wir ja nicht den Körper, sondern die Seele lieben, ernsthaft auf die Probe stellt: Könnte man auf Dauer jemand lieben, auch wenn der ständig ein Anderer ist? Würde man ernsthaft die Seele in ihm erkennen?

Levithan ist Jugendbuchautor. Seit seinem Erstling „Boy Meets Boy“ schreibt der US-Amerikaner, Jahrgang 1972, immer wieder über die heißeste Phase in unserer Entwicklung, über das Entdecken, Erkennen des eigenen Ichs. Noch nie aber hat man das auf so irrwitzige, fantastische Weise gelesen. Dabei hat man nie das Gefühl, ein Jugendbuch zu lesen. Letztendlich ist das Zielpublikum egal, jeder, der mal in der Pubertät gesteckt hat, wird sich hier wiederfinden. Nur der deutsche Buchtitel ist ein bisschen zu prosaisch geraten. Da bringt es das Original „Every Day“ sehr viel simpler auf den Punkt.

Aber keine kleinkarierte Kritik an dieser Stelle. „Letztendlich“ zeigt, wie bunt, wie vielfältig, wie überraschend das Leben sein kann. Nehmen wir es an. Und, wer weiß, wenn wir uns eines Morgens mal nicht so fühlen, nicht so verhalten wie sonst, vielleicht steckt dann ja auch ein levithanischer Gast in uns?

David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal. Fischer FJB, 400 S., 16,99 Euro.