Sachbuch

Kinder zwischen Hurrapatriotismus und Todesangst

„Ich freue mich jetzt auch schon sehr, dass ich den Krieg miterleben kann. Ich bin ganz stolz“, schreibt die 14-jährige Agnes Zenker, genannt Nessi, beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs in ihr Kriegstagebuch.

Wie die überwältigende Mehrheit der Deutschen zeigt sich die Tochter eines sächsischen Försters vollkommen siegesgewiss. Der frühe Angriff der Deutschen auf die befestigte Stadt Lüttich lässt sie denn auch jubilieren: „Die Feinde staunten alle. Zeppelin hat das meiste gemacht. Er hat tüchtig Bomben geworfen.“

Wie Nessi wurden viele Kinder von ihren Lehrern dazu angehalten, Kriegstagebücher zu führen. Man glaubte, glorreichen Zeiten entgegenzugehen und die Jungen und Mädchen sollten stolze Zeugen sein. „Ich freu’ mich schon, wenn ich meinen Enkeln mein Kriegstagebuch zeige“, schreibt Nessi. Sie alle konnten nicht ahnen, dass diese im patriotischen Überschwang begonnenen Aufzeichnungen zu Chroniken der Trauer und des Schmerzes werden sollten. Der Krieg zerstörte ihre unbeschwerte Kindheit und prägte sie für den Rest des Lebens.

In ihrem Buch „Kleine Hände im Großen Krieg“ haben Yury und Sonya Winterberg ganz unterschiedliche Kinderschicksale aus dem Ersten Weltkrieg versammelt. Es sind unbekannte Kinder dabei wie Nessi, aber auch prominente Namen wie Simone de Beauvoir, Anaïs Nin oder Elias Canetti. Die Jungen und Mädchen kommen aus Deutschland, Frankreich, England, Russland, Kanada und anderen Ländern. Schließlich war es der erste weltumfassende Krieg und Kinder litten überall. Erzählt werden „normale“ Kriegsbiografien, also die Geschichte von Kindern, die zu Hause vielerlei Entbehrungen zu erdulden hatten und vaterlos aufwuchsen, aber auch ganz außergewöhnliche Schicksale. Dazu gehört das fast schon romaneske Leben der russischen Kindersoldatin Marina Yurlowa. Das Kosakenmädchen kämpfte jahrelang an der Front.

Das Buch enthält zahlreiche tragische Beispiele pubertierender Jugendlicher, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen frühzeitig zu Soldaten wurden und als Kanonenfutter endeten. Sie stellten sich den Krieg als ein einziges großes Abenteuer vor. Stattdessen wurde es ein Abstieg in die Hölle. Am Ende steht bei allen die große Ernüchterung. „Alles in mir schreit nur immer: Frieden, Frieden, Frieden!“, schrieb Nessi am 4. November 1918 in ihr Tagebuch. Das Tragische an dieser Generation ist jedoch, dass das Kriegserlebnis für sie noch nicht vorbei ist. Denn aus den Kindern dieses Krieges sollten die Soldaten des nächsten werden.

Yury und Sonya Winterberg: Kleine Hände im Großen Krieg. Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg. Aufbau, 386 S., 22,99 Euro.