Szene

Keine Show, nur Musik: Berlins neues „XJazz“-Festival

Alte Jazzer mit Ledermütze und hippe Dandys bei den Konzerten

Berlin hat zu viele Festivals? Könnte man meinen. Wie mit Platten ist es aber auch hier: Man kann zu viele haben, und trotzdem nie genug. Zum ersten Mal gab es daher „XJazz“ in Kreuzberg, und zwei Stichproben zeigen schon: Dieses Festival muss noch mit ins Regal.

Einerseits konnte man einen der einflussreichsten Techno-Musiker des Landes erleben: Moritz von Oswald, der zusammen mit dem Trompeter Nils Petter Molvær ihr gemeinsames Album „1/1“ im Bi Nuu vorstellt. Von Oswald sitzt mit himmelblauem Pulli im Chefsessel, wie ein Anwalt, der mal kurz aus seiner Villa auf Ibiza vorbeigekommen ist. Ein Anwalt des Techno. Unbewegte Mine, die rechte Hand an der Ein-Oktav-Klaviatur, an ein paar Reglern. Minimal ist auch die Mimik, mit der er sich mit Molvær verständigt: ein Augenaufschlag, der Anflug eines Lächelns. Das mag damit zu tun haben, dass von Oswald vor ein paar Jahren einen Schlaganfall hatte. Es ist aber auch Programm: Minimal eben – keine Show, nur Musik.

Nach einem langen Intro über Sitar-Samples, gepitcht und verfremdet, kommt ein tiefer Beat. Das Publikum reagiert sofort – alte Jazzer mit Ledermütze und hippes Gemüse in Szenebereitschaft, alle jauchzen, fangen an zu wippen. Von Oswald schiebt einen 4/4-Beat unter Molværs Phrasierungen. Molvær, zusammengesunken auf einem Hocker, schließt die Augen, schmatzt in die Trompete, singt hinein. Nicht mehr auszumachen, was von wem kommt, was analog ist, was digital.

Hat man bei von Oswald und Molvær das Gefühl, sie verabschieden sich langsam von innen heraus aus Techno und Jazz, ist es bei Franceso Tristano umgekehrt: Der klassisch ausgebildete Pianist, der daran arbeitet, die Grenze zwischen den Genres auszuloten, spielt ein paar hundert Meter weiter im Radialsystem V Bach und Techno, solo am Flügel. Ein Dandy in Schwarzgrau. Er steht am Instrument, greift in den Saiten, trommelt auf dem Rahmen dieses großen Drumdings herum. Dann schlägt er mit der Linken einen Beat an, und über eine stehende Note geht es hinein in die Französischen Suiten. Die spielt Tristano nachdenklich, als probte er in einer halb leeren Hotelbar vor sich hin. Und das ist wohl sein Ideal: auch Bach klingen zu lassen wie etwas, das gerade eben erst entsteht.

Wenn das Unprätentiöse daran spannungsfrei zu werden droht, wechselt Tristano zurück zu Eigenkompositionen, an Steve Reich geschult, oder zu Derrick Mays stampfendem Detroit-Klassiker „Strings of Life“. Da jubeln die Harmonien wie sie zuletzt bei – tja – vielleicht bei Bach jubeln durften. Tristano tritt den Takt aufs Parkett, sein ganzer Körper tanzt mit. Als er zum Abschluss noch mal tief in den Barock taucht, scheint klar: Das sind doch die selben Patterns – ein unendliches Rollen von Stimmen und Motiven, eine große, swingende Polyphonie. Ist Bach also der Vater des Techno? Und klingt er, klingt Derrick May, auf dem Klavier gespielt wie – Jazz? An diesem Abend möchte man es, dank XJazz, gerne glauben.