Kleinkunst

Die Welterklärer

Michael Hatzius und eine Echse kümmern sich im RBB um die großen Themen des Lebens

Claus Peymann hat wirklich alles. Nicht nur Fahrer, die ihn mit dem Auto beim Radfahren begleiten, es könnte schließlich anfangen zu regnen, den Lessing-Preis und dann noch die Lässigkeit, den Burgtheater-Intendantenposten abzulehnen – nein, Claus Peymann hat jetzt auch eine eigene Handpuppe. Eine Handpuppe, die ab dem heutigen Freitag eine eigene Sendung im Rundfunk Berlin-Berlin Brandenburg (RBB) moderiert.

Aber alles der Reihe nach. 2008 sollte ein Absolvent der Ernst-Busch-Puppenspiel-Abteilung, namentlich Michael Hatzius, das Geschehen eines Erfurter Puppentheaterfestivals mit einer Handpuppe kommentieren. Dafür ließ er sich bei einem Puppenbauer seines Vertrauens eine Zigarren rauchende Echse anfertigen, dessen Charakter er einem Regisseur und Intendanten nachempfand, der schon „alt und abgegessen“ sei und „im Theater alles schon zehnmal gemacht und gesehen hätte“. Einen konkreten Namen will er aber nicht nennen. Wir schauen dem braunäugigen und braunhaarigen Diesel-Karohemd zu blauer Sweat-Kapuzenjacke kombinierenden Puppenspieler in der RBB-Kantine tief in die Augen und kombinieren: Claus Peymann.

Er möge keinen Namen nennen, sagt Hatzius, schließlich sei das doch gar nicht mehr so wichtig. Er lasse sich ohnehin nur ungern auf etwas festschreiben, politisch vielleicht, da sei er humanistisch, links, aber sonst, so sagt er, sei bei ihm alles im Fluss. Auch seine Echse sei wechselwarm, sie verkehre sowohl mit Männern als auch mit Frauen, politisch werfe sie alles durcheinander und könne von einer „chauvinistischen Haltung“ sekundenschnell in eine „linke Haltung“ switchen. Nun gut, das könnte Claus Peymann wiederum auch, mag man einwerfen. Hatzius, der Gewinner des „Kabarett Kaktus 2010“ und des „Kleinkunstpreises der Stadt Koblenz 2012“, ist aber gar nicht so zum Scherzen aufgelegt.

Er glaubt an positive Energien

Er wolle mit seiner Echse nicht nur unterhalten, sondern auch Denkmuster aufbrechen. Gemeinsam mit seinen Gästen wolle er in „Weltall.Echse.Mensch“ keine Antworten geben, sondern Sichtweisen auf Themen wie Gesundheit, Glaube, Liebe und Geld diskutieren. Ist Hatzius, der in Hellersdorf aufwuchs, gläubig? „Ich glaube an das Universum. An Energien und daran, dass man etwas Positives bekommt, wenn man etwas Positives gibt. Und das ‚Cogito, ergo sum’ einer der größten Fehlannahmen der westlichen Welt ist. Denn wen man nicht denke, dann sei man auch.“

Hatzius versus Descartes, Runde 1. Auf der Bühne könne er als Echse nur deswegen so schnell was Lustiges antworten, weil er dann nicht mehr denke und somit auch nicht mehr werte. Sein Improvisationslehrer Keith Johnsons habe ihm mal gesagt, man könne nur gut sein, wenn man nicht versuche gut zu sein. Hatzius versucht also vorsichtshalber, nie gut zu sein? Richtig, sagt der Puppenspieler, dann habe er auch selten Lampenfieber. Wir nehmen einen Schluck Wasser und nicken. Descartes wäre skeptisch.

Hatzius setzt wieder an: Es gäbe viele Dinge, die man nur erleben könne, wenn man sie dann ausspräche, würden sie an Form verlieren, würden klein und unbedeutend. Da mag was dran sein. Aber Puppenspielen, so Hatzius wieder, also „eine Echse aus Schaumstoff mit Leben so beseelen“, das sei schon etwas Spirituelles. Er begreife sich auf der Bühne als Kanal durch den das Universum rausche, er sei dann nicht mehr er, die Puppe spreche dann. „Ist das anstrengend, wenn das Universum durch einen durchrauscht?“, fragen wir. Hatzius verneint. Der Wasserhahn sei ja auch nicht erschöpft, nur weil man ihn mal kurz auf- und zugedreht hat.

Ist er Esoteriker? Hatzius überlegt. Esoterik klinge ja so nach Spinnerei. Wir zucken unschuldig mit den Schultern. Und außerdem, wäre er Esoteriker, müsse er sich ja wieder auf was festschreiben. Wir schielen auf den dem Kantinentisch aufliegenden PR-Zettel zur neuen Sendung. In seiner ersten Sendung redet Hatzius’ Echse mit seinen Gästen Joe Bausch, einem Justizvollzugsanstalts-Arzt und dem Fernsehkoch Chakall über Gesundheit. Hatzius ergänzt: Und in einem Einspieler geht die Echse zur Vorsorgeuntersuchung bei einer Tierärztin. Dabei sei er aber kein Freund von Schulmedizin.

Krankheiten müssten nicht bekämpft werden, sondern der Körper gestärkt. Er fände das erschreckend, dass heute jeder überall eine Kopfschmerztablette dabei habe, die nur weitere Nebenwirkungen erzeuge, die wieder mit Medizin bekämpft würden, und alles letztlich nur dazu diene, damit Pharmakonzerne und Pharmaverschreibende verdienen. Wirklich. Er habe Menschen in seinem Umfeld, die nur deswegen Medizin studieren, weil sie später viel Geld verdienen wollten. Wir sind ehrlich geschockt.

Nach Erhalt des Puppenspiel-Diploms trat er mit der Echse auf der offenen Bühne der Schöneberger „Scheinbar“ auf, nur einmal, dann engagierte man ihn für den „Quatsch Comedy Club“. Wenn du etwas mit Liebe machst, dann fügt sich alles, schließt Hatzius. Wie sich „Weltall.Echse.Mensch“ als Denkmuster zersetzende Comedy mit Reptil in das RBBProgramm einfügen wird – es wird sich zeigen. Denn nach vier Folgen wird sich Hatzius zumindest auf die Quote festschreiben lassen müssen.

RBB, heute, 20.15 Uhr