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„Das schwarze Schaf unter den Organen“

Wie die Studentin Giulia Enders mit ihrem Buch über den Darm in den Charts landete

Es gibt Forschungsbereiche, mit denen es so stockend vorangeht, dass man von extremer Verstopfung sprechen muss. Und die kann tödlich sein. Dass Elvis Presley an Blutdruckproblemen aufgrund verzweifelten Pressens gestorben war, kam erst Jahre nach seinem Tod heraus. Man wusste zwar von seinem krankhaft erweiterten Dickdarm, nicht aber von den komplexen Beziehungen zwischen Darm- und Lebensende. Warum?

Nun, die Dickdarmforschung hat sich in der Vergangenheit nur sehr langsam weiterentwickelt, „und zwar aufgrund der Widerwärtigkeit des Organs“, wie die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Mary Roach lapidar feststellt: Den unteren Darmabschnitt habe man bei anatomischen Studien oft umgehend weggeschnitten. Wegen der Gerüche. Und überhaupt wegen des ganzen Ekels.

Nirgendwo scheinen die Grenzen zwischen schön und abstoßend so klar wie zwischen Körperhülle und Eingeweide, hier wirken die letzten Tabus, hier hockt die Angst. Die junge Medizinerin Giulia Enders hat sich deshalb vorgenommen, den Darm, „das schwarze Schaf unter den Organen“, wie sie ihn liebevoll nennt, unter einem freundlichen Licht ganz neu erstrahlen zu lassen.

Der Aufklärungsbedarf ist hoch

Ihr mehrfach ausgezeichneter Vortrag „Darm mit Charme“ wurde als Wissenschafts-Slam zuerst ein YouTube-Hit, dann zum erquicklich informativen Buch ausgebaut und ist seit Wochen in den Bestellerlisten der Buchcharts. Und da der Aufklärungsbedarf hoch zu sein scheint, trifft es sich gut, dass fast zeitgleich auch Mary Roachs gewitzter Schreck- und Weckruf „Schluck. Entdeckungsreise durch unseren Verdauungstrakt“ auf Deutsch erscheint.

Offenbar ist es an der Zeit, dass sich was dreht, die Winde und Windungen betreffend. Und es sieht tatsächlich danach aus, als stünden wir nach den Auftritten der drei Superstars Spiegelneuron, Stammzelle und Gen am Beginn einer überraschend fröhlichen Hinwendung zum Darm.

Ohne das Eso-Geschnulze vom „Bauchgefühl“ zu strapazieren, fördern Enders und auch Roach Erstaunliches zutage aus dem dunkel, geräuschvoll und verwickelt vor sich hin werkelnden Gekröse. Neben viel Brauchbarem gibt es auch herrlich unnützes Wissen über die Erfindung der Analvioline, Explosionen bei Darmspiegelungen, rektalem Handyschmuggel und flatografische Aufzeichnungsmethoden.

Während man so drüber nachdenkt und liest und schreibt, fällt auf, dass das Reden über den Darm reflexhaft zum infantilen Herumalbern reizt. Reine Schreckensabwehr, einerseits. In alten Zeiten glaubte man, dass alberne Menschen einen kleinen dämonischen Narren im Bauch mit sich herumtragen. Wusste ja keiner, dass das komische Gluckern ganz normaler Borborygmus, also Bauchknurren ist. Körpersekrete hatten sich fürderhin auf die empfindsamen Tintenströme im stillen Schreib- und Lesezimmerchen zu beschränken. Es ist wohl kein Zufall, dass Giulia Enders’ aufklärerische Erfolgsgeschichte mit einem fulminanten mündlichen Vortrag startete – zurück nach vorn!

Natürlich gab es schon um 1800 eine Gegenbewegung zum allgemeinen Gekneife. Essen und Verdauen entdeckten Schriftsteller wie Jean Paul geradezu als Generalmetapher für politische, seelische und alltagskulturelle Anverwandlungen. Roach und Enders treten also eine gewichtige Nachfolge an, wenn sie uns unverblümt mit unserer eigenen Terra Incognita vertraut machen: „Der menschliche Verdauungstrakt“, so etwa Roach, „ähnelt der Zugverbindung zwischen Seattle und Los Angeles: Die Fahrzeit beträgt etwa 30 Stunden und die Landschaft auf dem letzten Streckenabschnitt ist ziemlich eintönig.“

Wenn also Giulia Enders, Jahrgang 1990, die Vorgänge im Bauch so schildert: „Wir vergrößern uns selbst und verkleinern alles Fremde, bis es so winzig ist, dass wir es aufnehmen können und es ein Teil von uns wird“, dann beschreibt sie damit auch ziemlich exakt die Techniken der Satire und des Humors. In ihrem Verstopfungs-Kapitel lässt sie das Beschriebene dann sogar ins Schriftbild ausgreifen: Die Buchstaben platzen fast, es kommen nur Leerzeichen, schließlich doch noch ein paar Punkte.

Doch auch jenseits bloßer Metaphorik rührt die Beschäftigung mit der Innerei an die großen zivilisatorischen Fragen um Fremdes und Eigenes, Außen und Innen. Denn der Darm ist nicht einfach nur ein Organ. Er hat auch sein eigenes Hirn, das enterische Nervensystem. Er beherbergt ein gigantisches Mikrobiom aus Millionen von Mikroorganismen, von denen erst die wenigsten bekannt sind. Wenn jeder von uns „ein Volk hat“, wie Enders schreibt: Herrscht dann in uns Absolutismus oder Darmdemokratie? „Der Darm bin ich“ oder „Wir sind der Darm“?

Giulia Enders: Darm mit Charme. Alles über ein unterschätztes Organ. Ullstein, 288 S., 16.99 Euro