Klassik-Kritik

Pianistin Yuja Wang erzeugt virtuose Wolkenschwaden

Yuja Wang, die chinesische Starpianistin, verdreht dem Publikum in der Philharmonie wieder den Kopf. Spektakulär schon der Beginn.

Wie ein wilder Wespenschwarm brausen Yuja Wangs Finger in Prokofieffs dritte Sonate hinein. Die Füße der Pianistin gelangen trotz schwindelerregender Absätze wundersam an die Pedale. Sie erzeugen in lyrischen Momenten dichte Wolkenschwaden. Die motorische Intensität, das rhythmische Timing, die atemraubende Schnelligkeit machen diesen Prokofieff attraktiv.

Auch Nikolai Kapustins jazzige Klaviervariationen von 1984 liegen ihr perfekt in den sportlichen Händen. Überraschenderweise allerdings bestreitet die Chinesin den Großteil des Abends mit Frédéric Chopin, einem Komponisten, den man ihr nicht unbedingt zugetraut hätte. Mit der h-Moll-Sonate op. 58 wagt sie sich sogar in direkte Konkurrenz zu Grigory Sokolov. Doch wer die dramatische Wucht des russischen Kultpianisten Anfang April erlebt hat, die bitter geschnürte Tragik – den wird Yuja Wangs jugendlich lässige Version wohl ziemlich enttäuschen. Ein kühl designter Chopin ist das, streckenweise unreif und weichgehaucht. Viel besser gelingt Yuja Wang das Chopin-Nocturne op. 48/1 nach der Pause. Gebieterisch verfügt sie über die Tastatur. Entfaltet anmutige Poesie.

Und dann: der Quantensprung. Igor Strawinskys legendäre drei „Petruschka“-Sätze, wie man sie vermutlich noch nie gehört hat. Sensationell ausdrucksstark, voller entfesselter Furien, greller Farbexplosionen, übermenschlicher Tempi. Momentan ist Yuja Wang wohl die einzige Pianistin von Weltrang, die diesen teuflisch virtuosen „Petruschka“-Zyklus im Repertoire führt. Ihr ungeheures Können macht sprachlos, es euphorisiert das Publikum im Nu. Auf heftiges Drängen lässt die Pianistin noch zwei Zugaben folgen: Art Tatums drahtseiltänzerische Version von „Tea for Two“ und Chopins elegischen cis-Moll-Walzer op. 64/2.