Interview

„Die Nominierung ist cool, aber unnötig“

Komödienkönig Bora Dagtekin über seinen Kinohit „Fack ju Göhte“ und die Chancen beim Deutschen Filmpreis

Wenn am 9. Mai der Deutsche Filmpreis verliehen wird, ist das ein Schaulaufen zweier Filme. Wer wird das Rennen machen: der Autorenfilm „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz, der sechs Mal nominiert ist, oder doch der Alpenwestern „Das finstere Tal“ mit neun Nominierungen. Die spannendste Frage aber ist eine ganz andere: Wie viele Lolas wird „Fack ju Göhte“ gewinnen? Komödien werden beim Deutschen Filmpreis gern übergangen, weder ein Til Schweiger noch ein Bully Herbig sind je nominiert worden. Bora Dagtekins „Göhte“ aber hat sich mit über sieben Millionen Zuschauern nicht nur zum vierterfolgreichsten deutschen Film entwickelt (siehe Grafik), er ist auch vier Mal nominiert, unter anderem in der Königskategorie Bester Film. Wir haben den Regisseur getroffen.

Berliner Morgenpost

Herr Dagtekin, wie bereiten Sie sich auf den Filmpreis nächste Woche vor? Studieren Sie eine Dankesrede vor dem Spiegel ein, machen Sie sich einen Spickzettel für alle Fälle?

Bora Dagtekin:

Wir haben ja schon einige Publikumspreise bekommen. Und ich kriege immer Anschiss, weil ich mich nie darauf vorbereite. Ich denke immer, ich mach das spontan. Aber das geht natürlich schnell schief, weil man jemanden vergisst oder rumstammelt. Aber ich müsste ja sowieso nur beim Drehbuchpreis hoch. Nicht beim Besten Film. Der Preis geht ja an die Produzenten.

„Fack ju Göhte“ läuft immer noch in einigen Berliner Kinos. Derzeit haben Sie 7.082.278 Zuschauer. Achten Sie eigentlich noch auf die aktuellen Zahlen?

Man bekommt vom Verleih anfangs täglich, später jede Woche eine E-Mail. Dadurch ist man immer auf dem Stand. Aber seit wir die sieben Millionen überschritten haben, verfolgt man es nicht mehr so genau. Am 8. Mai kommt eh schon die DVD.

„Göhte“ war nach nur 17 Tagen der erfolgreichste deutsche Film 2013. Ende des Jahres überholte er sogar Tarantinos „Django Unchained“ als erfolgreichster Film in deutschen Kinos. Jetzt ist er bereits der vierterfolgreichste deutsche Film seit 1968.

... Ja, nur noch Otto und Bully sind vor uns.

Besteht da die Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren?

Nee, ich nehme das nicht so ernst. Ich hatte nur gehofft, die magische Grenze zu erreichen, die eine Million Zuschauer. Ich bin jemand, der will, dass sich ein Film refinanziert und niemanden ins finanzielle Chaos stürzt. Es soll ja Fälle geben, in denen durch Egotrips Produktionsfirmen in die roten Zahlen getrieben wurden. Da ist man natürlich sehr erleichtert, wenn ein Film funktioniert.

Schon „Türkisch für Anfänger“ ist im Kino grandios gelaufen, „Göhte“ hat das noch getoppt. Überkommt einen da die Bully-Angst: Kann ich solche Erwartungen eigentlich noch erfüllen?

Ich weiß nichts von einer „Bully-Angst“. Er hat die beiden erfolgreichsten Filme Deutschlands abgeliefert! Ich versuche locker zu bleiben. Was mich von einem Til Schweiger oder einem Bully unterscheidet ist, dass ich nicht mitspielen muss. Ich behalte immer eine gewisse Distanz zu meinem Film. Wenn er floppt, bin ich nicht gleich doppelt betroffen. Ein Schauspieler wird viel stärker an seinem letzten Erfolg gemessen. Ein Regisseur oder Autor hinter der Kamera kann eher einen Flopp vorlegen und davon zehren, was er vor 15 Jahren gemacht hat. Das ist mein Plan (lacht): „Hat leider wieder nicht geklappt, aber damals, 2013, da lief`s noch gut!“

Was ja kein Til Schweiger und selbst ein Bully nicht geschafft hat, ist Ihnen gelungen: „Fack ju Göhte“ ist für den Deutschen Filmpreis nominiert, gleich vier Mal, auch als Bester Film.

Das ist natürlich ein cooles Gefühl. Und auch eine große Ehre. Aber natürlich unnötig. (lacht) Die Kategorie Bester Film hätte ich wirklich nicht anvisiert. Ich saß neulich mit den anderen Nominierten für den Hauptpreis in einer Runde, das war mir fast ein bisschen unangenehm, weil das alles schwerere oder intellektuellere Stoffe sind. Einige finden auch nicht so einfach ein großes Publikum, da hat so ein Filmpreis vielleicht noch eine wichtigere Bedeutung. Ich bin deshalb nicht böse, wenn am Ende alle anderen gewinnen, nur wir nicht.

Aber ist es nicht schön, dass auch mal eine Komödie nominiert wird? Wird das Genre bei den großen, hehren Preisen nicht viel zu oft ignoriert?

Sicher, in dieser Hinsicht ist es ein schönes Signal, dass die Akademie damit zeigt: Schaut mal, wir sind alle eine Familie, wir respektieren jedes Genre und kein Sektor muss ein Stiefmütterchendasein führen. Vielleicht macht es dadurch auch mehr Spaß, den Filmpreis zu gucken, wenn ein paar popkulturellere Filme dabei sind. Vielleicht wird jetzt auch öfter mal ein Film nominiert, der näher am Volk dran ist.

Bei den Golden Globes gibt es eine eigene Kategorie für Komödien. Sollte man das für den Deutschen Filmpreis auch einführen? Oder wäre das dann erst recht eine Abwertung gegenüber dem Drama?

Ich kenne das von manchen Festivals. Wir waren gerade in Japan, da gab es auch die Spaß- und die Dramenabteilung. Man sollte das nicht trennen, das fände ich blöd. Das ist wie beim Kinderfilm, die Kategorie gibt es ja, das klingt schnell nach Spielwarenabteilung, dabei sind das vollwertige Filme, die oft mit der größten Leidenschaft gemacht sind.

Wer in Deutschland unterhält und damit auch noch Massenerfolg hat, dem wird ja gern der künstlerische Anspruch abgesprochen. Ist das ein Makel, wenn man die Lacher hinter sich hat?

Ich kann mich nicht beklagen. Schon bei der Serie „Türkisch für Anfänger“ habe ich immer gute Resonanz bekommen. Ich glaube, man kann sich auch mit Humor Anerkennung verdienen. Vielleicht ist dann eher die Aufgabe, dass der Humor auch einen gewissen Geist oder Charme versprüht.

Als Drehbuchautor treten Sie gegen Christian Kracht und Edgar Reitz an – kennen Sie sich? Empfinden Sie sich als Rivalen?

Ich kenne die nicht persönlich, nein. Das ist eigentlich eine Unverschämtheit, oder? Es gab kein Drehbuchpanel! Drehbuchautoren haben es schwer im deutschen Markt. Wenn man wie ich beides macht, merkt man krass, wie sich alles auf den Regisseur konzentriert. Dem wird, pardon, alles in den Arsch geschoben, und der Autor wird schnell vergessen. Deshalb freue ich mich übrigens am meisten, dass ich in der Kategorie Bestes Drehbuch nominiert bin. Das ist leider ein echter Kämmerleinberuf bei uns. Im amerikanischen Business ist das mit der anerkannteste, der wertvollste Beruf.

Wie kann man das ändern?

Ich weiß es nicht. Alle schreien ja danach, dass wir mehr gute Bücher brauchen. Ich habe aber das Gefühl, dass alle ständig dafür kämpfen.