Musik

Damon Albarn, ganz allein

Er hat mit Blur den Britpop erneuert und die Gorillaz gegründet. Jetzt erscheint sein Solo-Debüt

Wie kam eigentlich das Märchen von den erzkonservativen 68er-Kindern in die Welt? Von mittelalten Menschen, die, traumatisiert von linken Dogmen und vom Tugendterror ihrer Eltern, gar nicht anders können, als bourgeois zu leben und alles Sozialsentimentale zu verachten. Vielleicht schreibt und spricht es sich darüber interessanter als über das Glück einer Erziehung ohne Grenzen. Zufriedene 68er-Kinder schreiben keine Bestseller. Sie sind mit sich, mit ihren Eltern, sogar mit der Welt im Reinen. Manche singen davon Lieder.

Damon Albarn hat ein ganzes Album dazu aufgenommen. Nachdem er sich 25 Jahre lang in den verschiedensten Projekten musikalisch ausgelebt hat, von seiner ewigen Schülerband Blur über die virtuellen Gorillaz bis zu allerlei Afropop-Ausflügen, erscheint nun die erste Platte unter seinem Namen. Auf „Everyday Robots“ hat der Sänger krakelig unterschrieben wie ein Montessori-Schüler. Auf dem Cover hockt er winzig und gekrümmt in einer Ecke, er geht in sich, und so singt und spielt er auch.

Bevor sich Damon Albarn an das Soloalbum wagte, reiste er vom Londoner Westen, wo er heute wohnt und arbeitet, zurück in seine Kindheit. Mit der U-Bahn fuhr er in den Osten, wo er aufgewachsen war, nach Leytonstone. Das Staatsfernsehen der BBC begleitete den Volkshelden und Britpop-Veteranen. Er steht vor dem Reihenhaus, aus dem seine Familie 1977 ausgezogen war, unter der tropfenden Regenrinne. Seine Mutter Hazel arbeitete mit Behinderten als Künstlerin; sein Vater Keith war Kunstlehrer an einem Polytechnikum, er managte die progressive Rockband Soft Machine und stellte heitere Installationen aus, die jeder mochte. Damon radelte durch die verdreckten Straßen und die üppigsten Gewürzgerüche. Sonnabends hielt er vor der Pfingstkirche, genoss den Gospelchorgesang, und wenn er heimkam, griff er sich eines der Instrumente, die im Haus der Albarns überall herumstanden. Die Eltern kümmerten sich um Klavier- und Geigenstunden. Als Damon die Lust daran verlor, drückten die Eltern ihm eine Gitarre in die Hand, danach die Blockflöte.

Auf „Everyday Robots“ lässt er seinen Nachbarn Brian Eno singen. Ein Kinderlied heißt „Mr. Tembo“ und ist einer Elefantenwaise in einem afrikanischen Wildpark gewidmet, dazu singt der Gospelchor der Pfingstkirche von Leytonstone. Das schönste Stück heißt „Lonely Press Play“, und man hört das zärtliche Geräusch eines sich schließenden Musikkassettenfachs. Es sind Gefühlsduseleien „eines neurotischen Mannes mittleren Alters“, so die Selbstbezichtigung des Sängers vor der Kamera der BBC. Im Titelstück singt er: „We are everyday robots at our phones, looking like standing stones.“ Da hat Damon Albarn völlig recht. Er jammert ja nicht, lässig singend stellt er bloß fest, was der Fall ist.

Kritiker werden ihn dafür schelten, dass er sich und uns als traurige Roboter darstellt und in „Hostiles“ altväterlich gegen Ballerspiele ansingt. Aber er ist kein Reaktionär, sondern ein Hippiekind. Am iPad hat er schon ein ganzes Album eingespielt, „The Fall“ für die Gorillaz. Mit dem iPad hat er Videos, Sounds und Fotos von den Orten seiner Kindheit aufgenommen. Er hat eine analoge Jugend hinter und das digitale Alter vor sich.

Damon Albarn lebt einfach in seiner Zeit das Leben seiner Eltern fort, in Notting Hill, wo London heute älter aussieht als im neuen Osten. Suzi Winstanley, berühmt für ihre Malereien afrikanischer Wildtiere, ist seine Frau. Als Eltern lassen sie jetzt ihre Tochter durch die Straßen radeln. Manchmal bietet sich auch etwas an, um auf der Straße dagegen zu protestieren – wie zuletzt, gemeinsam mit Jude Laws Familie, als ein Greenpeace-Schiff in Russland festsaß. Wenn ihnen die Stadt zu städtisch wird, ziehen die Albarns sich nach Island zurück.

Auf seinem wunderbaren Britfolk-Album erzählt Damon Albarn davon, wie Milieufolklore wandert und auf diese Weise nicht verloren geht, sondern vererbt wird. Auch wer 1968 auf die Welt kam, kann sein Leben lang ein 68er sein.

Damon Albarn: „Everyday Robots“ (Parlophone)