Kunst

Begegnungen im Gartenhaus

Der Schinkel-Pavillon: Nina Pohl machte aus einem vergessenen Baudenkmal den coolsten Kunstverein Deutschlands

Hinter hohen Mauern, zwischen historischen Gebäuden und immer neuen Baustellen liegt ein verborgener Ort. Mitten im Zentrum von Berlin. Einst haben hier die SED-Granden die Schaumweinflöten aneinandergestoßen und der Magistrat von Ost-Berlin hat im konspirativ abgeschirmten Garten hinter dem Kronprinzenpalais seine Gäste empfangen. Der kleine, turmartig aufragende Pavillon formuliert die Architektursprache einer DDR zwischen selbstbewusster Moderne und Eklekto-Klassizismus. Richard Paulick hatte ihn 1969 als dreistöckiges Oktogon erbaut mit zwei rundum verglasten Obergeschossen und einem Kellerrestaurant. Als Eingang setzte er in Erinnerung an Berlins großen Architekten Friedrich Schinkel eine Tür aus dessen benachbarter Bauakademie ein, die einige Jahre zuvor abgebrochen worden war. Nach der Wende gerieten Palais, Park und Pavillon in Vergessenheit. Doch seit einigen Jahren regt sich wieder Leben im Sperrbezirk, denn hier logiert Deutschlands hippster Kunstverein.

Gedränge am Eingang

Zu den Vernissagen im Schinkel-Pavillon treffen sich – alle. Jedenfalls fühlt es sich so an, wenn man sich durchs Gedränge im schmalen Eingangsbereich in den Ausstellungssaal zwängt, den Blick über Kunst und Leute schweifen lässt, sich dann in die Schlange am Getränkeverkauf einreiht, um endlich herauszutreten auf die Terrasse und festzustellen, Teil eines Events zu sein. „Ich habe den Kunstverein gegründet, um die Leute für etwas Gemeinschaftliches zu begeistern“, sagt Nina Pohl, die künstlerische Leiterin des Schinkel-Pavillons. „Mein Anliegen ist es, eine einzigartige Plattform für Kunst zu schaffen und dieses exzentrische Baudenkmal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ich mag den sozialen Aspekt und will, dass wir in einem von Investoren umkämpften Gebiet als kultureller Ort bestehen können.“

Dieser Einsatz war dem Berliner Senat im letzten Jahr eine Auszeichnung wert. 30.000 Euro Fördergeld konnte Pohl entgegennehmen im Rahmen einer kommunalen Unterstützung für die Projekträume der Stadt. Die in Berlin geborene und in Düsseldorf sozialisierte Pohl betreibt den Raum seit sieben Jahren. Anfangs noch zusammen mit dem Rahmenbauer und Gastronom Stephan Landwehr, der die leer stehende Staatsimmobilie entdeckt hatte, sich aber bald wieder zurückzog. Ihre eigene künstlerische Arbeit als Malerin und Fotografin stellte Pohl dann als Vereinsvorsitzende immer wieder zurück.

Kunstvereine sind eine ziemlich deutsche Erfindung. Die ersten gründeten sich vor 200 Jahren in Nürnberg, Hamburg oder Karlsruhe als Orte des Austauschs zwischen Künstlern und einem aufgeklärten städtischen Bildungsbürgertum, das den Kunstgenuss nicht mehr länger dem Adel überlassen wollte. Zur Finanzierung dienen öffentliche Mittel, Mitgliedsbeiträge und Unterstützung durch Sponsoren. Pohl hat für traditionelle Vereinsmeierei wenig übrig, sucht aber nach Wegen, ihr Baby in trockenere Tücher zu bringen. Ein Vorbild ist etwa das Studio Voltaire in London. Dem Ausstellungsraum, der auch Künstlerresidenzen anbietet, ist es gelungen, finanzkräftige Mäzene über ein Patrons-Modell zu gewinnen, um sich unabhängiger von den immer knapper werdenden kommunalen Kassen zu machen.

Bis dahin ist aber Aufmerksamkeit ihre stärkste Währung. „Viele Künstler wollen hier ausstellen“, freut sich Pohl. „Dabei ist es eine ziemlich einzigartige Ausstellungssituation, die sehr viel mit der Architektur zu tun hat. Die Künstler müssen auf diesen Raum reagieren, es ist ja kein White Cube.“ Cyprien Gaillard hat etwa ein Ballett mit den Baggern choreografiert, die nebenan vom Pavillon zwischen Friedrichswerderscher Kirche und den Magazingebäuden der Staatsoper die Baugrube eines Investorenprojekts planierten. „Wir waren vorher wochenlang mit den Bauarbeitern Bier trinken, bis sie unsere Freunde geworden sind“ erzählt Pohl: „Es ist also nicht so, dass man einfach Geld bezahlt, und dann läuft es.“ Auch für die aktuelle Ausstellung war viel Klinkenputzen nötig, um einen Blumenhändler zu bewegen, das aufwendige Konzept von Camille Henrot möglich zu machen.

Poetische Blumengestecke

Der Pavillon präsentiert sich momentan wie ein Atelier für moderne Ikebana. Die temporäre Ausstellungsarchitektur ist dekoriert mit poetischen Blumengestecken, mit denen die französische Künstlerin ihrer privaten Bibliothek floristische Metaphern gegenüberstellt. Die berühmte Vorlesung des Kunsthistorikers Aby Warburg über ein indianisches Schlangenritual findet ihre vegetabile Entsprechung in einem Arrangement von Kiefernzweigen und Maiskolben, aber auch Filzbändern und einem Blechzuschnitt. Friedrich Nietzsches „Genealogie der Moral“ inspirierte Henrot zu einer dornenreich-elastischen Komposition aus Brombeerranken und Blättern des Gummibaums.

Pohl hat die Ausstellung mit Henrot geplant, noch bevor deren Beteiligung an der Biennale von Venedig im letzten Jahr mit dem Silbernen Löwen belohnt wurde. Der Film „The Strive of Love in a Dream“, der auch schon Massimiliano Gioni begeisterte, wird in der Schinkel-Klause im Untergeschoss gezeigt. Finanziert wird die Schau von der Schering-Stiftung.

Freuen kann sich aber auch Johann König, dessen Galerie Camille Henrot seit Kurzem vertritt. Die Galeristen profitieren natürlich von der Präsenz ihrer Künstler in einem institutionellen Umfeld, das immer stärker auch international wahrgenommen wird. Nicht selten gehen die Arbeiten der Künstler nach der Ausstellung sofort in den Kunstmarkt. „Der wirtschaftliche Aspekt, wie die Kunst am Ende verwertet wird, interessiert mich eigentlich gar nicht“, sagt Pohl. Sie will vor allem, dass der Ort eine Begegnungsstätte ist und die Künstler von den Ausstellungen profitieren.

Mit dem Schinkel-Pavillon will Pohl auch an die Geschichte des Kronprinzenpalais anknüpfen, das nach dem Ersten Weltkrieg immerhin Geburtsstätte des ersten Museums für zeitgenössische Kunst überhaupt war. 1919 eröffnete Ludwig Justi dort mit Werken der Impressionisten, der Berliner Sezessionisten und Brücke-Expressionisten die „Galerie der Lebenden“, die sogar dem Museum of Modern Art in New York als Vorbild diente.

Zum Gallery Weekend ist der Schinkel-Pavillon wieder eine feste Anlaufstelle. Und spätestens im nächsten Jahr will Nina Pohl auch die Schinkel-Klause wieder regelmäßiger öffnen – mit Paul McCarthy hat sich ein erster Wirt schon angemeldet. Während er sich oben in einem Krematoriums-Setting als Kunstharzmodell seiner selbst aufbahren wird, soll unten Auferstehung gefeiert werden.

Schinkel-Pavillon, Oberwallstr. 1, Mitte. „Snake Grass“ bis 11. Mai