Theater

An der Schaubühne neu entdeckt: „Karl und das 20. Jahrhundert“

Karl will raus aus seinen elenden Verhältnissen.

Er arbeitet sich mühselig hoch zum Lehrer, muss in den Ersten Weltkrieg und fällt im Nachkriegs-Chaos zurück ins Elend, davon erzählt der österreichische Sozialist Rudolf Brunngraber (1901-1960) in seinem Roman „Karl und das 20. Jahrhundert“. Es braucht allerhand Mut für einen solchen, die Epochen umspannenden Titel. Doch der Autor schafft es tatsächlich, das tragisch scheiternde Leben eines kleinen Mannes plakativ-nüchtern und dennoch herzergreifend zu schildern und dabei aufschlussreich zu verquicken mit den politisch-ökonomischen Spielen der Mächtigen zwischen Monarchie und Erstem Weltkrieg, den Zusammenbrüchen alter Ordnungen, den Schuldenkrisen, der Inflation und Massenarbeitslosigkeit.

Freilich, die Leidensgeschichte Karls steht literarisch so allein nicht da (wir denken an Döblins Franz Biberkopf). Das Originäre des Romans ist vielmehr die Art, wie sie politisch konnotiert wird: Nämlich mit genialisch erfundenen, farcehaft pointierten Konversationen zwischen historisch relevanten Führungsfiguren im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts – von Kaiser Joseph I. und Wilhelm II. über Bethmann-Hollweg, Poincaré, Lord Grey bis Lenin, Trotzki, Stalin.

Der sarkastisch scharfe, dabei satirisch gefärbte Blick aufs gesellschaftliche ganz Oben wie ganz Unten samt dramatischer Verstrickung macht den inzwischen fast vergessenen Roman eines Linken von 1933 – damals ein Bestseller – frappierend aktuell. Nicht nur anlässlich des Gedenkens an 1914.

Schön, dass der Schaubühnen-Spieler Ingo Hülsmann den Text jetzt aufgespürt und als eine Art Revue inszeniert hat. Trotz der todernsten Sachverhalte kabarettistisch leichthin, dazu passen die prägnant comichaften Hintergrund-Videos von Stepan Ueding. Wobei immer wieder das gellend Komische und grausig Groteske in blankes Entsetzen kippt. Dafür sind neben Iris Becher und Jenny König sonderlich die Herren zuständig. Robert Beyer, Felix Römer, David Ruhland, Sebastian Schwarz spielen im fliegenden Wechsel der Szenen lauter kleine starke Stücke. Und packen den banalen Brunngraber-Satz anschaulich ins Schlimme: „Die Welt ist keine moralische Anstalt.“