Diskussion

Alphatiere unter sich

Daniel Barenboim und Wolfgang Schäuble diskutieren im Berliner Ensemble über die „Kunst des Führens“

Es gibt sie auch noch in Berlin, die bürgerliche Bildungsgesellschaft. Am gestrigen Sonntagmorgen zu erleben im Berliner Ensemble beim 19. Foyergespräch des Magazins „Cicero“. Vor vollem Parkett saßen zwei Alphatiere auf der Bühne, um über die „Kunst des Führens“ zu diskutieren. Nun wäre Daniel Barenboim kein so erfolgreicher Künstler und Wolfgang Schäuble über Jahrzehnte kein Politiker von höchstem Rang, wären sie allzu mitfühlig, gar nachsichtig mit ihren Musikern und Ministerialbeamten.

Der Pianist und Dirigent gilt als autoritär, auch von cholerischen Ausbrüchen ist die Rede. Dem Finanzminister, der seit 41 Jahren im Bundestag sitzt und fünf Kanzler erlebt hat, wird ebenfalls ein harscher Führungsstil mit starkem Hang zur Ungeduld nachgesagt. Ihr sonntägliches Gespräch über die Kunst des Führens war natürlich dem banalen Alltag übergeordnet und öffnete überraschende Sichtweisen und neues Verständnis dafür, was nötig ist, um zu großer Kunst beziehungsweise erfolgreicher Politik zu führen.

„Wenn sie vor einem Orchester stehen, ist der Instinkt, immer geliebt zu werden, weg. Meine Aufgabe und damit meine Autorität besteht darin, aus 80 Individualisten eine Einheit zu machen. Das kann eben nur der Dirigent“, beschrieb Barenboim seinen Führungsanspruch. Der unterscheidet sich, so Schäuble, nicht grundsätzlich von dem seinen. In Parteien und Fraktionen gäbe es unterschiedliche Ansichten und Binnenkonkurrenz. Aber am Ende müsse ein Partei- oder Fraktionschef eine einheitliche Entscheidung erreichen. „Das geht mit Autorität allein nicht. Sie müssen überzeugen. Und dann hilft natürlich auch der Erfolg, um die eigene Meinung durchzusetzen.“

Musiker, sagt Barenboim, schwanken zwischen Bescheidenheit und Selbstsicherheit. Bescheidenheit gegenüber dem musikalischen Werk bei gleichzeitiger Entschiedenheit in der Führung des Orchesters. Und das gepaart mit Respekt vor den Musikern. Es folgt das Eingeständnis: „Jeder, der führt, ist ein sehr einsamer Mensch.“ Wiederum sind Barenboim und Schäuble hinsichtlich der Führungskunst recht nah beieinander. „Der beste Minister ist nicht der, der der beste Experte ist. Sondern der, der unterschiedliche Argumente zusammenführt und dann entscheidet. Gute Führung läuft auf eine Mischung aus Mut und Demut hinaus. Wer alles will, will die Allmacht.“

Aber es sei, sagt Schäuble, in dieser über die neuen Technologien und Netzwerke immer besser informierten Gesellschaft mit ihren vermehrten partikularen Interessen schwieriger geworden, politisch zu führen. Zwischenruf von Barenboim: „Es gibt eine Minderheit auch im Orchester. Das sind die Schlagzeuger und die sind immer am lautesten.“

Dann wieder ganz ernst, sagt Barenboim: Wer erfolgreich führen will, der brauche auch Begabung. „Sie lehrt uns, bescheiden zu sein. Natürlich muss Ambition, Ehrgeiz dazu kommen. Am Ende sollten es aber 15 Prozent weniger Ambition als Begabung sein.“ Die Stimmung oben auf der Bühne ist gelöst, das Verständnis unten im Parkett für die Alphas immer größer.

Als der Künstler und der Politiker zum Schluss von den beiden Moderatoren, „Cicero“-Chefredakteur Christoph Schwennicke und dem Schweizer Journalisten Frank A. Meyer, nach ihren bislang größten Fehlern gefragt werden, räumt Schäuble ein, dass Politiker immer Fehler machen. „Aber wenn sie darüber reden, machen sie einen noch größeren Fehler.“ Das Publikum ist amüsiert und dann doch wieder ganz ernsthaft beim wichtigsten Minister von Angela Merkel, als der hinzufügt: „Der größte Führungsfehler ist, nicht zu entscheiden.“ Barenboim umgeht die Frage und spricht lieber von der Angst. „Angst ist der größte Kampf, den wir Künstler führen. Die innere Angst vor Publikum und musikalischem Werk.“

Ein lohnender Vormittag mit manch neuen Einsichten.