Konzert-Kritik

Simon Rattle schont nur seine eigene Frau

Konzertante „Manon Lescaut“ in der Philharmonie

Warnrot krallt das wuchtige Kleid an ihrem Körper. Wie ein Netz wirft sich ihr mächtiger Sopran über die Männer der Umgebung. Eine Manon Lescaut von erdrückender Erotik, getrieben von fataler Begierde nach Reichtum und Liebe. Eine Manon, vor der man am besten zügig in Deckung gehen sollte. Eva-Maria Westbroek verleiht ihrer Rolle wahrhaft wagnersche Diven-Ausmaße. Die Niederländerin dominiert mit einschüchternder Präsenz in den Duetten, sie singt ihre Partner wahrhaft schwindelig. Das unschuldige Mädchen vom Lande, das sich zu Beginn auf der Durchreise ins Kloster befindet – man nimmt es ihr kaum ab. Im Gegenteil. Ein Raunen geht durch den Saal, als Manon den frischverliebten Des Grieux erstmals an die reife Brust drückt und ihre Gesichter sich vereinen. Für einen Moment scheint es, als würde sie den jungen Edelmann mit Haut und Haar verschlingen wollen. Erst im dritten und vierten Akt, in leidvoller Gefangenschaft und auf tödlicher Flucht – erst dort wächst diese Manon dem Publikum sympathisch entgegen. Wild schwingt sie sich schließlich zu tragischer Größe auf.

Massimo Giordano ist der leidgeplagte Des Grieux an diesem Abend, der einzige Italiener im Sängerensemble. Sein gepflegter Tenor fließt in edler Fülle, seufzt und schluchzt herzbrechend. Bemerkenswert die extreme Wandlungsfähigkeit seines Konkurrenten Liang Li. Der chinesische Bass bietet einen schillernden Geronte de Ravoir mit baritonaler Färbung. Von schneidig bis magnetisch, von luxuriös vibrierend bis lüstern arrogant. Eine Stimme, die Faszination und Abscheu erzeugt, Ekel und Mitleid.

Und die Philharmoniker unter Sir Simon Rattle – sie schonen die Sänger an keiner Stelle. Sie schmettern ihnen satte Tutti entgegen, überschwemmen sie mit todesblitzenden Crescendi, schüren gewagte Tempi. Rattle erzeugt einen dunklen griffigen Streicherklang, treibt seine Musiker mit unerbittlicher Energie voran. Er nötigt die Sänger zum Äußersten, drückt sie mal nach hinten, mal zur Seite. Nur Rattles Ehefrau erhält sanfte Schonung: Magalena Kožená, hochschwanger und trotzdem prächtig bei Stimme. Anmutig funkelt sie in einer Minirolle als Madrigalsängerin.

Noch vor wenigen Tagen hatten die Philharmoniker Puccinis Oper „Manon Lescaut“ in Baden-Baden aufgeführt, in der Inszenierung des britischen Regisseurs Richard Eyre. Es war Rattles Puccini-Debüt, ein weiteres eindrückliches Abenteuer der Berliner Philharmoniker. Mit einigem Rückenwind sind sie nun heimgekehrt, zum feierlichen konzertanten Nachschlag in der Philharmonie. Puccinis betörende Klangsinnlichkeit scheint dem Dirigenten allerdings nicht immer geheuer zu sein. Rattles gewichtiger nachschöpferischer Eifer gipfelt in virtuoser Opulenz und brennendem Bombast. Doch er lastet mitunter auch auf den zärtlich intimen Momenten der Partitur – und nimmt dadurch der Musik einiges an Luft und Leichtigkeit.