Wiederentdeckung

Fliegende Melonen und tanzende Batterien

Der Martin-Gropius-Bau entdeckt den Berliner Multi-Künstler Hans Richter wieder

Alle wollen zu Ai Weiwei. Wie in einer Prozession bewegen sich die Besucher langsam Richtung Martin-Gropius-Bau. Zu Hans Richter muss man in den dritten Stock hinaufsteigen, das geht schnell, direkt an der Weiwei-Schlange vorbei. Hier oben ist man unter sich, wie in ernsten Studiensälen bleibt Raum und Zeit zum Schauen. Beste Voraussetzung, Hans Richter, den Avantgardisten und Multi-Künstler, wieder neu zu entdecken.

Keine leichte Sache, der Mann saß sozusagen künstlerisch zwischen allen Stühlen. Schwierig zu beurteilen, wie man ihn ordentlich einsortiert, eher als Zeichner, Grafiker, Maler, Autor oder Filmemacher? Die Disziplinen verschwimmen bei ihm, genau das aber macht das Werk so eigenwillig und oszillierend. Auf jeden Fall ein Mann der starken Bilder, der sein Leben lang zwischen experimentellem Filmemachen und bildender Kunst balancierte. An Ideen mangelte es ihm nicht. Am Eingang purzeln gleich vier schwarze Melonen durch die Luft, ein Baum bekommt Äste und die kriegen wiederum Blätter – im dynamischen Sekundentakt. Ein Filmausschnitt wie eine Visitenkarte: „Vormittagsspuk“ von 1928 ist einfach hinreißend, die Dada-Attitüde verrät sofort, was für ein gewitzter und moderner Filmer Richter damals schon war.

Sein Berliner Atelier wurde zerstört

Bei all den vielen Stationen seines unruhigen Lebens, von Paris, München, Zürich, Moskau und New York, vergisst man leicht, dass Richter 1888 in Berlin geboren wurde. Hier studierte er 1908 an der Akademie der Künste. Er kannte Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“, lernte die Künstler der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“ kennen. Er verteilte Marinettis „Futuristisches Manifest“ an Berliner Droschkenkutscher, ob die mit dieser verstiegenen „Hymne an Schnelligkeit und Technik“ allerdings etwas anfangen konnten, darf bezweifelt werden.

1914 musste er in den Krieg, schwer verwundet ging er nach Zürich, seine Rettung war diese „Insel inmitten von Feuer, Stahl, und Blut“. Hier schloss er sich der Dada-Bewegung an. Zum Bruch mit Berlin kam es endgültig 1933 durch die Nationalsozialisten, sie verwüsteten sein Atelier, zerstörten seine Werke und diffamierten ihn als „entartet“, erkannten ihm sogar die deutsche Staatsangehörigkeit ab. Er kehrte gar nicht mehr nach Berlin zurück, sondern flüchtete 1941 über mehrere Zwischenstationen in die USA. Peggy Guggenheim übrigens war es, die seine erste Einzelausstellung in Amerika organisierte. Dort zeigte er seine meterlangen Rollenbilder, zwei davon sind auch in der Ausstellung zu sehen. Ein Porträt Man Rays zeigt Richter als smarten Dandy mit Seitenscheitel und lässigem Karoschal um den Hals. Der guckt so verführerisch wie herausfordernd sein Gegenüber an, als wollte er sagen: „Hey, komm, was probieren wir jetzt aus?“ So führt die Ausstellung dann auch Freunde und Weggefährten Richters noch einmal über ihre Kunstwerke zusammen.

Richter muss ein Charismatiker mit einem Sensorium für Kontakte aller Art gewesen sein. Egal ob Max Ernst, Marcel Duchamp, Fernand Léger, Hugo Ball oder Kasimir Malewitsch, im Kreise dieser Künstler entsteht ein inspirierendes künstlerisches Mosaik der Moderne. Ein begnadeter Maler war Hans Richter wohl eher nicht, dafür ein genialischer Filmemacher. In fast allen Ausstellungsräumen sind seine Bewegtbilder an die Wände projiziert, manchmal „laufen“ sie direkt neben irgendwelchen Objekten. Das macht das künstlerische Nebeneinander im Richterschen Oeuvre recht anschaulich. Auch wenn sich die einzelnen Loops teilweise die Schau stehlen.

Ein Mosaik der Moderne

Ein Highlight sind die Werbefilme aus den 30er-Jahren, die Richter finanziell über Wasser hielten, und die mit ihrem spielerisch-grotesken Zuschnitt heute noch als angesagte Clips durchgehen könnten. Da sind die tanzenden Philips-Batterien, die sich in spielende Geiger verwandeln. Im weißen Licht transzendieren sie zu den neuen Kraftwerken der Moderne. Das aber wirkt alles andere als platt, sondern sehr ästhetisch und wenig kommerziell. So schaffte es Hans Richter, sich den künstlerischen Freiraum zu bewahren.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg. Mi-Mo 10-19 Uhr. Ab 20. Mai, tgl. 10-20 Uhr. Bis 30. Juni. Katalog: 29 Euro.