Literatur

Hundert Jahre Trauer

Der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ machte Gabriel García Márquez weltberühmt. Nun ist der 87-Jährige gestorben

Einer war nun doch schneller gewesen. „Ich gehöre zu denen, die sich mit ihren Freunden begraben lassen“, hatte Gabriel García Márquez vor rund einem Jahrzehnt gesagt, um sein merkwürdig loyales Verhältnis zu Fidel Castro zu erklären. In Erinnerung wird der 1928 (nach Angaben seines Vaters: 1927) an der Karibikküste Kolumbiens geborene Romancier wohl dennoch nicht als „Diktatorenfreund“ bleiben, denn auch in seinem Fall wusste es das Werk zumeist besser als der Autor.

Erst vergangene Woche war Márquez nach zweiwöchiger Behandlung wegen einer Lungenentzündung aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er wurde nicht mehr gesund. Am Donnerstag starb er mit 87 Jahren in seinem Haus in Mexiko-Stadt. „Tausend Jahre Einsamkeit und Trauer wegen des Todes des größten Kolumbianers aller Zeiten“, twitterte der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos. „Solche Giganten sterben nie.“ Nun trägt Kolumbien für drei Tage Trauerflaggen. Am 6. März, seinem 87. Geburtstag, hatten ihn Freunde und Gratulanten das letzte Mal vor seinem Haus gesehen, doch „Gabo“, wie sie ihn liebevoll nannten, sprach da schon nicht mehr. Der einst wortgewaltige Dichter litt laut Angaben seines Bruders in den letzten Lebensjahren an Alzheimer.

Familiensaga wird Weltliteratur

„Hundert Jahre Einsamkeit“, 1967 erschienen, ist das Buch, das ihn berühmt machte. Bis heute wurde das Weltliteratur-Epos vom Aufstieg und Niedergang einer kolumbianischen Familie und des von ihr gegründeten Dorfes Macondo in 35 Sprachen übersetzt und erreichte eine Auflage von mehr als 50 Millionen Exemplaren. Es katapultierte Márquez schriftstellerisch auf den Olymp, 1982 wurde ihm der Literaturnobelpreis verliehen.

Internationale Erfolge feierte er auch mit der Erzählung „Chronik eines angekündigten Todes“ (1981) über einen sogenannten Ehrenmord in der kolumbianischen Provinz sowie den beiden Romanen „Der General in seinem Labyrinth“ und „Die Liebe in Zeiten der Cholera“. „Gabo“ hatte in dem 1985 entstandenen Roman nach der Wirklichkeit komponiert: seine wohl berührendste Liebesszene, in der nach Jahrzehnten des Wartens und unglückseliger Verstrickungen die inzwischen uralt gewordenen Fermina Daza und Florentino Ariza zusammenkommen. Auch seine eigenen Eltern hatten Jahrzehnte gebraucht für ihre nicht zuletzt körperliche Wiederannäherung.

Vielschichtig ist sein Werk, das außer Romanen, Kurzgeschichten und Reportagen auch Drehbücher umfasst. In ihnen kommt der ganze Zauber und Schrecken der lateinamerikanischen Wirklichkeit zur Sprache: der Kampf gegen die übermächtige Natur, das Nebeneinander von Glaube, Aberglaube und Spiritismus, der Dreiklang von Gewalt, Liebe und Grausamkeit. So kunstvoll vermischte der Schriftsteller immer wieder Realität mit überbordender Fantasie. Eine Zeit lang konnte man von seinen Romanen gar nicht genug bekommen.

Die Zuordnung zum „magischen Realismus“ trifft es trotzdem nicht ganz, findet seine deutsche Übersetzerin Dagmar Ploetz. Mit seinem literarischen Schaffen berühre er vielmehr Grundfragen der menschlichen Existenz. „Tatsächlich geht es immer um das Leben; das aber begreift der Autor vom Tode her.“

Bis zum Erscheinen seines bekanntesten Romans allerdings schlug sich García Márquez mehr schlecht als recht durch. Aufgewachsen in der kleinen Ortschaft Aracataca an der kolumbianischen Karibikküste, folgten nach Schule und Studium – unter anderem an einem Jesuitenkolleg – Lehr- und Wanderjahre zwischen Europa und Amerika. Erst war er Journalist und wechselte dann ins Erzählfach. Sein „Bericht eines Schiffbrüchigen“ (1955) markierte diesen Übergang. Bogota, Havanna, Mexiko-Stadt und New York, London, Genf und Rom hießen danach die wichtigsten Stationen – und Paris.

Die französische Hauptstadt war in den beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg Drehscheibe für eine ganze Generation junger Schriftsteller aus Lateinamerika. Im Pariser Hotel de Flandre arbeitete der häufig klamme Autor verbissen an seinem Roman „Der Oberst hat niemanden, der ihm schreibt“. Wenige Jahre später fand dort sein peruanischer Kollege Mario Vargas Llosa Unterschlupf, um seinen Erstling „Die Stadt und die Hunde“ zu vollenden. Kennen und schätzen lernen sollten sich die beiden späteren Nobelpreisträger erst einige Zeit danach – bevor es dann bald zum Zerwürfnis kam. Grund waren Márquez’ Verbindungen ins kommunistische Kuba.

Ein Domizil in Havanna

Mochte man über die Jahre hinweg auch reichlich spekuliert haben, was es wohl auf sich hatte mit jener Márquez angeblich lebenslang zugestandenen Luxusvilla in Havanna (dem zweiten Domizil neben dem in Mexico City), mochte die Gerüchteküche gekocht haben über den Inhalt der nächtlichen Gespräche zwischen dem unbestrittenen Erneuerer der lateinamerikanischen Literatur und dem erstarrten, selbst erklärten Helden der kubanischen Revolution. In seinem 1975 erschienenen Roman „Der Herbst des Patriarchen“ wird gnadenlos das zwischen vitalistischem Herrschaftsanspruch und purer Vernichtungsfreude oszillierende Leben eines Diktators geschildert – in atemberaubenden Rückblenden.

Márquez, der Kinoliebhaber, verwirklichte auf der Karibikinsel sogar einen Lebenstraum. 1986 öffnete in Havanna die Internationale Schule für Film und Fernsehen. Als Präsident der Stiftung des neuen lateinamerikanischen Films war er maßgeblich an dem auch international renommierten Projekt beteiligt.

War der Kolumbianer deswegen ein „Höfling Castros“, wie der Liberale Vargas Llosa ihm einst vorwarf? Eher nicht, wie ein Blick auf die Vielzahl seiner politischen Gesprächspartner zeigt. Bei Castro selbst setzte er sich für die Freilassung politischer Gefangener ein; in seiner Heimat vermittelte er im Dauerkonflikt mit den einst kommunistischen Farc-Rebellen. Und zu seinen Gesprächspartnern in Europa zählte auch Papst Johannes Paul II., den er besuchte.

In seiner „Chronik eines angekündigten Todes“ über einen sogenannten Ehrenmord in der kolumbianischen Provinz liest sich das so: „An dem Tag, an dem sie ihn töten sollten, stand Santiago Nasar um fünf Uhr dreißig morgens auf, um das Schiff zu erwarten, mit dem der Bischof kam.“ Ob García Márquez selbst um seinen nahenden Tod wusste, ist ungewiss.