Theater-Kritik

Lady Gaga trifft auf den alten Dürrenmatt

Die Pop-Songs geben dem Klassiker „Besuch der alten Dame“ eine ganz andere Färbung

Wenn Madame Gnadenlos sich mit Lady Gaga verbündet, dann haben alle anderen verloren. Dann ist alles anders, als es scheint: „Can’t read my, can’t read my / No he can’t read my poker face.“ Der Gemeinte ist ein Menschenwürmchen im zerbeulten Anzug und kann angesichts der mondänen Glitzer-Diva nur noch staunend in ihren Gesang hinein „po-po-po poker face“ stottern. Insgeheim hatte dieser Alfred Ill nämlich eigentlich auf ein romantisches Revival gehofft, als bekannt wurde, dass seine Jugendliebe, die mittlerweile schwerst reiche Claire Zachanassian, ihrem herunter gekommenen Heimatstädtchen Güllen einen Besuch abstatten würde.

Vergessen hatte er dabei allerdings die Kleinigkeit, dass er sie damals erst schwängerte und dann zum Teufel jagte. Weshalb sie wiederum zunächst mittellos in einem Puff landete, bevor sie sich einen steinreichen Gatten schnappte. Sie dagegen hat das nie vergessen und schnitzte sich daraus ihr Lebensmotto: „Die Welt machte mich zu einer Hure, jetzt mache ich sie zu einem Bordell.“ Blöd für Alfred. Claire nämlich verspricht den Güllenern eine satte Milliarde, wenn jemand Alfred tötet. Sie nennt das Gerechtigkeit, sie kann sie sich leisten.

So hat es Friedrich Dürrenmatt in seiner 1956 uraufgeführten Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ niedergeschrieben. Bis auf das mit Lady Gaga natürlich, das hat sich Regisseur Bastian Kraft ausgedacht, der das Stück jetzt fürs Deutsche Theater inszenierte. Es ist ein sehr runder Abend geworden, der die Groteske ernst nimmt und die Grausamkeit, die ihr inne wohnt, leicht.

Den ganzen Abend durchwebt Kraft mit Songs der Pop-Diva, die, so wie Thies Mynther sie neu arrangiert hat und live am Klavier begleitet, eine erstaunliche Seelenbrüchigkeit offenbaren und der alten Dame außerordentlich gut stehen. Was auch daran liegt, dass Kraft das immer gültige Thema des Liebesverrats ins Zentrum rückt und, anders als Regisseure vor ihm, darauf verzichtet, die Moritat von der (finanziellen) Verführbarkeit des Menschen mit einem politischen Überbau zu beschweren. Offenkundig ist der gesellschaftliche Abgrund natürlich trotzdem. Das verdeutlicht schon die Konstellation des Personals: Bastian Kraft macht aus der Claire eine fünfköpfige Rache-Hydra, dargestellt von Margit Bendokat, Olivia Gräser, Katharina Matz, Barbara Schnitzler und Helmut Mooshammer. Allesamt in schwarz-weißen Glitzer-Fummel gekleidet und mit bizarr zu Türmchen oder Hörnchen gedrehten Rothaarfrisuren. Diese fünf übernehmen, zu simplen Papphütchen am Stab greifend, auch alle Rollen der Güllener Bürger. Ihnen gegenüber steht der Eine.

Bei Ulrich Matthes ist Ill ein Gebeugter, ein zunächst noch Hoffender, dann sich Fügender, der die Welt nicht mehr versteht. Wie auch? In der von Simeon Meier mit schiefem Strich gezeichneten expressionistischen Schwarz-Weiß-Kulisse im Stummfilm-Stil verliert er sich in einem kafkaesken Albtraum.

Machtlos muss er mit ansehen, wie sich der rote Glitzer des Geldes überall absetzt. Sie geben Geld aus, das sie (noch) nicht haben, was Ill verständlicher Weise ziemlich beunruhigt. Allein sein Tod würde ihrer aller Schulden begleichen. „Sag doch“, ruft er einmal schrill, „dass das alles nur ein Spiel ist.“ Ein Spiel? Bitte sehr, dann runter mit der Schminke und grelles Licht, das die Kulisse als Pappfassade entlarvt. Das Spiel ist aus, der Tod ist trotzdem unvermeidlich und so widerstandslos, wie Ill sich seinem stummen Todeskussquintett ergibt, kann er für ihn nur Erlösung bedeuten. Eine Erlösung in großer Liebe übrigens, weshalb die Gaga auch dafür natürlich einen Song parat hat: „I want your love / And I want your revenge...“

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a. Wieder am 21.04., 19.30 Uhr. Kartentel. 28. 441. 225