Musik-Kritik

Yundi Li in der Philharmonie: Auftritt des Unberechenbaren

Ganz zum Ende zieht Yundi Li ihn doch noch hervor – den Komponisten, dem er Ruhm und Karriere verdankt.

Jubelgeschrei, als der chinesische Starpianist Chopins Nocturne op. 9 Nr. 1 in der Philharmonie ankündigt. Er präsentiert den noblen Polen in glänzenden Lackschuhen und schwelgerischer Ungeduld. Weitere Zugaben wird es nicht geben. Yundi Li zieht den Schlussstrich unter ein durchwachsenes Programm von klaffenden Härten und dicht fließender Poesie, von großspuriger Unreife und genialischen Eingebungen.

Spektakulär spaltet sich an diesem Abend auch die Philharmonie: gespenstisch die leeren Ränge zur Linken des Pianisten, gebannt die wohlwollenden Fans zu seiner Rechten. Wie ein reißender Strom bricht Robert Schumanns C-Dur-Fantasie op. 17 zu Beginn unter Yundi Lis kühlen Fingern hervor. Eifriges Fotoknipsen verfolgt den Pianisten bis in die verwinkelten Pianissimo-Stellen. Im Mittelsatz fährt der Chinese unbeirrbar mit angezogener Handbremse.

Teuflisch brutal hackt er die aberwitzigen Sprünge der Coda in die Tastatur. Doch warum bloß lässt der Pianist danach Liszts Tarantella folgen? Neben Schumanns gewichtigem Meisterwerk verbreitet dieser aufgebauschte Virtuosenstreich bestenfalls nervöse Langeweile. Tragisch groß wirkt in diesem Moment der Abstand zu Yundi Lis chinesischem Hauptkonkurrenten.

Während Lang Lang sein Publikum mit geschmeidigster Leichtigkeit und purem Spielspaß bei Laune hält, scheint der ständige Erfolgsdruck tonnenschwer auf Yundi Li zu lasten. Er ist der Tiefgründigere, Ausdrucksstärkere von beiden, aber auch der Anfälligere, Unberechenbarere. Eines jedoch hat er seinem Landsmann in künstlerischer Hinsicht noch immer voraus – den dramatischen Beethoven. Yundi Li ruft an diesem Abend eine phänomenal aufwühlende „Appassionata“ op. 57 aus seinem Gedächtnis.