Oper

Eine Frau muss endlich unter die Haube

Christian Thielemann glänzt mit „Arabella“ bei den Salzburger Osterfestspielen

Christian Thielemann hält den Taktstock in der Rechten, das Kork-Ende wippt zwischen Zeigefinger und Daumen, nicht wie einen Pinsel, eher wie eine feine Feder für luftige Skizzen. Mit der Linken blättert er die Partitur der „Arabella“ durch. Es ist das Original der Dresdner Uraufführung von 1933 – zwischen den Noten haben sich Dirigenten-Legenden wie Clemens Krauss durch Anmerkungen in Sütterlin-Schrift verewigt. Normalerweise wird diese Partitur wie ein Heiligtum in den Katakomben der Staatskapelle verwahrt.

Nun ist sie mit dem Orchester auf Reisen gegangen. Seit die Berliner Philharmoniker zu Ostern nach Baden-Baden abwanderten, sind die Dresdner hier Residenzorchester, und zu Strauss’ 150. Geburtstag erinnern sie mit „Arabella“ nun an die musikhistorische Achse zwischen Dresden und Salzburg. Am Tag nach der Premiere hält Christian Thielemann gut gelaunt und mit Austro-Janker Hof im Hotel Sacher. „Wissen Sie“, sagt er, „Richard Strauss hat in Berlin und Garmisch gewohnt – aber Opern wie ‚Salome’, ‚Elektra’ und ‚Arabella’ hat er an der Elbe uraufgeführt. Außerdem war er Gründer der Salzburger Festspiele. Hier kommt nun alles zusammen.“

Die Salzburger Sommerfestspiele sind zu einem Mega-Festival gewachsen, in ihrem kleineren Oster-Ableger sucht Thielemann den alten Gründergeist: „Wir haben das, was Strauss wünschte: Eine überschaubare Veranstaltungsreihe, in denen eine Oper im Vordergrund steht, die mit großen Konzerten ausgeleuchtet wird. Ein intimes Festival, in dem es darum geht, sich Zeit für Details zu nehmen.“

Tatsächlich zieht mit Dresden zu Ostern auch wieder Opern-Glamour an die Salzach: Gloria von Thurn und Taxis klatscht Applaus, der designierte Festspielintendant Markus Hinterhäuser empfängt Gäste im Café Bazar, und der amtierende Sommer-Intendant, Alexander Pereira, schleicht sich in Thielemanns Pressekonferenz und verabschiedet die Journalisten mit dem Charme eines Hotelpagen. Ein herrlicher Marktplatz der Eitelkeiten! Da passt es, dass die bodenständige Kapelle ausgerechnet mit dieser absurden Geschichte um eine verarmte Adelsfamilie gekommen ist, die ihre älteste Tochter unter die Haube bringen will. Eine Utta-Danella-Story und ein „Rosenkavalier Extra Dry“, in dem Strauss zwar auch eine von Liebe zerrissene, weise Frau in den Vordergrund stellt, ihr aber kein Ballkleid aus Kitsch und Pathos schneidert. Thielemann und die Kapelle machen klar, warum sich Strauss 23 Jahre nach dem „Rosenkavalier“ noch einmal ein ähnliches Sujet vorgenommen hat: In „Arabella“ verlegt er jede Gefühlsregung nach innen und verzichtet auf den Effekt des Außen. Thielemann fährt wie mit einer Taschenlampe über die Original-Partitur, sucht in den aufgetürmten Instrumentenstimmen jene heraus, auf die er einen Spot legen will. Mal sind es die nervös zuckenden Bläser, mal das wienerische Saitenrutschen der Sologeige. Die Staatskapelle präsentiert sich als geniales Ensemble.

Die Sopranistin Renée Fleming und der Bariton Thomas Hampson sind die Stars der Festspiel-Besetzung. Fleming als routinierte Arabella, deren Stimme ein wenig an Glanz eingebüßt hat, deren Technik aber so perfekt ist, dass sie jede Klippe durch kluge Tricks umschifft, und Hampson, der sich von einer Erkältung erholt hat und mit der Rolle des steinreichen Waldbauern Mandryka kämpft. Thielemann und sein Ensemble halten dem Hochpreis-Publikum in Salzburg mit „Arabella“ einen Spiegel vor und zeigen die moralische Verrottung des Adels, dessen Fassade so brüchig ist wie die Botox-Gesichter in den ersten Reihen.