Kunst

Ein Werk, das fast in Vergessenheit geraten ist

Gropius-Bau entdeckt Wols als radikalen Fotografen auf dem Weg in die Abstraktion

Als Wegbereiter des Informel, jener abstrakt-expressiven Malerei der Nachkriegszeit, die in der Stunde Null ein kreatives Schaffen überhaupt erst wieder möglich gemacht hat, ging er – allerdings erst posthum – in die Kunstgeschichte ein. Alfred Otto Wolfgang Schulze hieß der 1913 in Berlin geborene Künstler, der in Dresden in großbürgerlichem Elternhaus aufwuchs und vor allem in Frankreich wirkte. Doch bekannt wurde er unter dem Pseudonym Wols, das auf eine fehlerhafte Verkürzung seines Namens in einem Telegramm von 1937 zurückgehen soll.

Mit Wols verbindet man vor allem seine außergewöhnlichen Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken, die radikal auf alle Gegenständlichkeit verzichten und mit Formen experimentieren. Weniger geläufig ist indes, dass Wols zu Beginn seiner Karriere vor allem als Fotograf tätig war und ein umfangreiches fotografisches Oeuvre hinterließ. Es umfasst Porträts, Selbstporträts, Aufnahmen des Pavillon de l’Élégance auf der Weltausstellung 1937 in Paris, ungewöhnliche Stillleben und Fotogramme.

Mit über 700 Aufnahmen würdigt der Martin-Gropius-Bau dieses fast in Vergessenheit geratene ungewöhnliche fotografische Werk, das zwischen 1932 und 1939 entstand und später aufgrund der prekären Lebensumstände des Künstlers und mangels fotografischer Ausrüstung nicht weitergeführt wurde. Dennoch, so die These, lässt sich schon in den Fotografien der Weg des Künstlers in die Abstraktion erkennen. Obwohl die Zahl der gezeigten Aufnahmen zunächst erschlagend wirkt, ist die Ausstellung letztlich sehr übersichtlich.

Erste Erfolge erzielte Wols mit seinen Porträts, die er von Freunden und Bekannten in der Pariser Künstlerboheme machte. Etliche wurden 1937 in der renommierten Galérie de la Pléiade zum ersten Mal ausgestellt, was Wols den Ruf eines guten Porträtfotografen verschaffte. Kommerzielle Aufnahmen von Max Ernst, Nicole Boubant und Roger Blin folgten durchaus dem Zeitgeschmack, persönlichere Bilder hingegen brachen die Distanz zwischen Fotograf und Modell oft vollkommen auf, stellten eine überraschende Unmittelbarkeit und Lebendigkeit her. In seinen Selbstporträts zeigte Wols sich als Suchender, der sehr spielerisch sein eigenes Ich befragt.

Sein erstes größeres Profi- Arrangement erhielt Wols 1937, als er den Pavillon de l’Élégance auf der Weltausstellung in Paris, in dem Haute Couture präsentiert wurde, fotografieren sollte. Als Modefotografie gedacht, scheint doch jedes Bild diesen Rahmen zu sprengen. Die grotesken Gipspuppen mit den edlen Roben wirken durch seine Ausleuchtung und die unmotivierten Schatten eher unheimlich als erhaben, das Ganze erhält einen surrealen Unterton.

Dass das Werk von Wols nicht in Vergessenheit geraten ist, grenzt angesichts seiner Biografie an ein Wunder. Nach dem Eintritt Frankreichs in den Krieg galt Wols als „feindlicher Ausländer“ und wurde von einem Internierungslager ins nächste verfrachtet, erst 1942 konnte er in das unbesetzte südfranzösische Dieulefit fliehen, wo er als Staatenloser eine Aufenthaltsgenehmigung erhält. Dort lebte er unter ärmlichen Bedingungen, stark geschwächt und vom Alkoholismus gezeichnet. Es entstanden Aquarelle und erste Ölbilder. Glücklicherweise konnte Wols nach dem Krieg durch erste Ausstellungen seines malerischen Werkes schon 1945 künstlerisch schnell wieder Fuß fassen. Aber fotografieren sollte er nicht mehr. 1951 starb er nach einer Entziehungskur mit nur 38 Jahren an einer Lebensmittelvergiftung.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Mi-Mo 10-19 Uhr. Bis 22. Juni.