Interview

Der Chefkoch beim Staatsballett

Nacho Duato, der neue Intendant, plant keinen drastischen Wechsel. Die Primaballerina Polina Semionova holt er ins Ensemble zurück

Sein Büro hat sich Nacho Duato schon ausgesucht. Der neue Intendant des Staatsballetts Berlin wird nicht in das Zimmer seines Vorgängers Vladimir Malakhov ziehen, sondern ganz ans andere Ende des Flurs. Es ist ein kleines, noch unaufgeräumtes Büro, dafür eines mit Durchgang hinaus zur Dachterrasse. Duato ist Raucher. Der 57-jährige Tänzer und Choreograf, der im August sein Amt als Intendant antritt, wird am Donnerstag offiziell seine Pläne für Berlin vorstellen. Volker Blech traf den Spanier in den Räumen des Staatsballetts.

Berliner Morgenpost:

Ihr Vorgänger, einst ein gefeierter russischer Startänzer, hat das Staatsballett vor zehn Jahren gegründet, Malakhovs Abschied gilt als das Ende einer Ära. Was soll mit Ihnen, einem spanischen Choreografen, folgen?

Nacho Duato:

Ich hoffe doch: eine neue Ära. Sie wird anders sein, weil ich ein anderer Mensch bin. Ich plane kein völlig neues Image, aber durchaus einige Veränderungen, was ja politisch gewollt ist. Aber es wird keinen drastischen Wechsel geben. Das Repertoire bleibt klassisch, darüber hinaus sind moderne Choreografien geplant. Wenn der Intendant selbst ein Choreograf ist, dann ist es, als hätte man seinen eigenen Koch im Haus. Alle um ihn herum riechen, was gekocht wird. Es entsteht eine völlig neue Energie. Besonders für die Tänzer wird das neu sein gegenüber Vladimir, dem Tänzer-Intendanten.

Was fehlt in der Küche des Staatsballetts?

Ich muss ehrlich sagen, ich kenne die Compagnie noch viel zu wenig, um darüber reden zu können. Meine erste Premiere wird im Februar sein. Bis dahin nehme ich mir die Zeit, alles kennen zu lernen, um ganz sicher zu sein, was genau fehlt. Ich werde mir die Tänzer, das Publikum, das Leben in den Straßen, die Kritiker anschauen. Ich muss erst hier leben

Sie kommen aus St. Petersburg, wo Sie das Ballett des Mikhailowsky-Theaters geleitet haben. Sind irgendwelche Kooperationen zwischen Petersburg und Berlin geplant?

Es gab anfänglich die Idee einer Kooperation, aber ich wollte nicht auf zwei Stühlen sitzen. Seit Januar bin ich nicht mehr in Petersburg, sondern gehe nur dorthin, um mein Repertoire zu pflegen. Die Compagnie dort hat elf meiner Choreografien im Repertoire. Aber dafür habe ich auch meine Assistenten. Ich will mich auf Berlin konzentrieren.

Sie nehmen Ihren Hauptwohnsitz in Berlin?

Auf jeden Fall werde ich in Berlin wohnen. Am liebsten in Charlottenburg, damit ich zu Fuß oder per Fahrrad zur Compagnie kommen kann. Ich möchte nicht mit der U-Bahn oder mit dem Auto fahren müssen.

Ihre erste Pressekonferenz in Berlin, als Sie im letzten Jahr von Klaus Wowereit als neuer Intendant vorgestellt wurden, war von verschiedenen Kontroversen in der Berliner Tanzszene begleitet. Was haben Sie, außer den aggressiven Fragen, davon eigentlich mitbekommen?

Ich fand das gar nicht so negativ. Es geht noch viel schlimmer. Ich weiß, dass es Spannungen gab und man jemand anderes als Intendanten haben wollte. Aber was kann ich tun? Bei jedem Neuanfang gibt es Spannungen, in Spanien bekam ich seinerzeit sogar Drohbriefe, in Petersburg haben sie den Kopf geschüttelt, was denn ein Spanier in Russland will. Ich glaube, das Ganze hat immer auch mit der Angst der Leute vor Veränderungen zu tun. Aber man muss geduldig sein.

Petersburg und Berlin verbindet die gleiche Tradition im Ballett: die russische Schule. Sie haben in Spanien begonnen, sind von Maurice Béjart und Jiri Kylian eher westlich geprägt. Ist die klassische russische Schule in Berlin ein Auslaufmodell?

Aber nein, die russische Schule ist sehr wichtig. In Petersburg habe ich sowohl mit der Waganova-Schule als auch mit Studenten der Bolschoi-Akademie gearbeitet. Sie sind vielleicht etwas in der Tradition hängen geblieben und müssten mehr mit frischen Choreografien wachgerüttelt werden, aber der Stil der Tänzer ist perfekt, die Ästhetik wunderschön.

Sie haben demnächst ein Treffen mit Berlins Staatlicher Ballettschule, einer Ausbildungsstätte, die Ihr Vorgänger gemieden hat. Was wollen Sie besprechen?

Wir sprechen über die Möglichkeiten, wie sich das Staatsballett stärker an der Schule engagieren kann. Und ich würde der Schule gerne auch Choreografien von mir geben. Schließlich sind die Schüler dort die Tänzer der Zukunft.

Wie viele neue Tänzer bringen Sie jetzt zum Staatsballett mit?

Wir haben freie Tänzerstellen. Im Januar hatten wir bereits ein Vortanzen in Berlin und haben vier neue Tänzer ausgewählt. Mit weiteren bin ich noch im Gespräch. Insgesamt werden es wohl zehn Tänzer sein, glaube ich.

Wann wird Primaballerina Polina Semionova, die sich ja mit Malakhov überworfen hatte und seither nicht mehr beim Staatsballett getanzt hat, offiziell zurückkehren?

Polina wird im „Bolero“ von Maurice Béjart am 17. Oktober tanzen. Das ist ein Gastspiel des Béjart Ballet Lausanne im Tempodrom. Danach soll es verschiedene Termine mit ihr geben. Und ich hoffe, dass sie vielleicht sogar wieder festes Mitglied des Staatsballetts wird. Wir wissen, dass wir beide gerne miteinander arbeiten. In Petersburg hat sie im September in meiner Choreografie von „Romeo und Julia“ getanzt.

Und wie ist das Verhältnis zu Ihrem Vorgänger? Reden Sie mit Vladimir Malakhov über die Zukunft der Compagnie?

Wir waren Freunde. Früher haben wir uns regelmäßig gesehen, gemeinsam gefeiert. Er ist wirklich süß. Gegenwärtig haben wir uns etwas voneinander entfernt. Ich verstehe das. Es ist hart für Vladimir, er verlässt seine Heimat, seine Tänzerfamilie. Er hat in der Compagnie viele Freunde und wird respektiert. Unglücklicherweise hat er die Personalie aus der Presse und nicht von mir erfahren.

Werden Sie zu seiner Abschiedsvorstellung im Juni gehen?

Wenn ich Zeit habe, komme ich. Vladimir hat viel für die neu gegründete Compagnie getan. Und es war wichtig, dafür einen großen Star zu haben.

Sie haben aber hoffentlich nicht mehr vor zu tanzen?

Mit Sicherheit nicht.