Kunst

Gurlitt gibt nach

Der Kunstsammler lässt seine Bilder freiwillig überprüfen – und bekommt dafür unverdächtige Werke zurück

Sensationeller Durchbruch im Fall „Schwabinger Kunstfund“: Der Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt hat eine „Verfahrensvereinbarung“ unterschrieben. Darin verpflichtet er sich, seine Sammlung von Bildern freiwillig von der Taskforce auf Raubkunstverdacht untersuchen zu lassen.

Um entsprechende Werke an ihre ursprünglichen Besitzer zurückzugeben. Im Gegenzug soll der alte Herr „unbelastete und ihm gehörende Werke“ zurückerhalten. Jene also, die eindeutig nicht auf NS-Entzug zurückgehen, – so steht es in der gemeinsamen Erklärung zwischen dem Freistaat Bayern, dem Bund und Gurlitt. Er wird durch seine Anwälte vertreten. Als juristische Leitlinie sollen die „Washingtoner Prinzipien“ gelten – ein auch von jüdischen Organisationen unterzeichneter Kanon für den Umgang mit Raubkunst. Unter dieser Voraussetzung ist die Beschlagnahmung der Werke aufgehoben. Mit der Rückgabe werden sie auch aus der Lostart-Datenbank gelöscht. In diesem Online-Register stehen Werke aus dem Fundus von Gurlitt, die im Verdacht stehen, dass es sich um NS-Raubkunst handelt. Der Schwabinger Kunstschatz befindet sich immer noch im Gehorsam der Staatsanwaltschaft Augsburg.

Der internationale Druck ist groß

Den beteiligten Juristen dürften heiß diskutiert haben nach wochenlangen Verhandlungen. Eine Wende zeichnete sich bereits ab, als Gurlitt kürzlich überraschend bekannt gab, einen Matisse zurück zu geben. Erstaunlich dennoch, wie schnell beide Seiten zu dieser Einigung gekommen sind. Doch allen Beteiligten ist klar, beim „Fall Gurlitt“ geht es weit mehr als nur den Einzelfall. Das Ansehen der Bundesrepublik ist gefährdet, der internationale Druck ist groß, Kritik gab es weltweit. Und es ist auch kein Geheimnis, dass im Fall Gurlitt nicht alles rund lief bei den bayerischen Behörden. Die Vereinbarung, die nun vorliegt, umfasst drei Seiten.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zeigte sich in Berlin erleichtert. Mit dieser Vereinbarung „schaffe man eine Grundlage für faire und gerechte Lösungen“. Weil, so erklärte sie, „wir so gerade auch gegenüber dem Ausland ein deutliches Zeichen setzen, NS-Unrecht auch 70 Jahre nach Kriegsende nicht fortbestehen zu lassen“. Die Erfahrungen aus dem Fall Gurlitt, so Grütters, würden auch in das von ihr angstrebte „Nationale Zentrum Kulturverluste“ eingehen.

Gurlitts Betreuer, derAnwalt Christoph Edel kommentierte am Montag die Einigung so: Gurlitt „nimmt damit auf vorbildliche Weise moralische Verantwortung wahr und gibt ein gutes Beispiel – jenseits einer aus unserer Sicht eindeutigen rechtlichen Situation.“ Und: Gurlitt kann zumindest einen Wissenschaftler an die Taskforce entsenden, damit „die Wahrung seiner Interessen garantiert bleibt“. Wenn Gurlitt also möchte, es seine Gesundheit ihm erlaubt, erhält er Zugang zu seiner Kunst, kann seine Gemälde besichtigen. Werke, die nicht der Herkunftsforschung unterliegen, „werden ihm zeitnah zurückgegeben“, so Edel. Gurlitt möchte, so der Münchner Anwalt, „den Weg der Restitution einschlägiger Werke weiter beschreiten. Auch das ist uns unverändert ein wichtiges Anliegen“.

Nun ist die Taskforce in der Pflicht, ihre Provenienzrecherche fortzusetzen. Ihr Vorhaben ist ambitioniert, die Arbeit innerhalb dieses Jahres abzuschließen. Soweit Restitutionsansprüche angemeldet sind, bleiben die Werke aber auch nach Ablauf dieser Frist in treuhänderischer Verwahrung. Erst am Montag war das Schreiben eines Anspruchsteller eingegangen, der das Gemälde „Sitzende Frau“ von Henri Matisse zurückfordert. Eigentlich stand die Rückgabe des Bildes an die Erben des jüdischen Kunsthändlers Paul Rosenberg kurz bevor – jetzt wird sie sich zumindest verzögern. „Vor diesem Hintergrund bin ich rechtlich verpflichtet, vor Herausgabe des Bildes erst die Ansprüche des neuen Anspruchstellers zu überprüfen“, sagte Edel.

Der bayerische Justizminister Winfried Bausback begrüßte die zügige Recherche. „Damit wird die Grundlage dafür geschaffen, dass auch und gerade Opfer des nationalsozialistischen Terrors ihre Rechte an Kunstwerken geltend machen können.“ Bausback weiter: „Ich wollte immer, dass mit Herrn Gurlitt geredet und eine einvernehmliche Lösung für den weiteren Umgang mit den Bildern gefunden wird.“ Übrigens: Die Kosten für die Herkunftsforschung, an der mehrere ausländische Experten beteiligt sind, tragen der Bund und Bayern.

Was nun mit jenen Werken geschieht und wie viele es sind, die tatsächlich an Gurlitt zurückgegeben werden, das war am Montag noch unklar. Daran werden die Anwälte weiter tüfteln. Gurlitt wird von Pflegern betreut, er wird sich also um seine Sammlung nicht mehr kümmern können. Er scheint gut beraten, ohnehin wird er sich dem Druck nicht mehr aussetzen. Bleibt die Frage, ob Picasso, Matisse & Co. in eine Stiftung übergehen oder in ein Museum.