Kunstsache

Farben, die von innen leuchten

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

In Großbritannien dürfte sein Stil unter „british eccentric“ laufen. Seine gelb-violett karierte Hose könnte dabei glatt von der schrägen Mode-Queen Vivienne Westwood stammen. Dann gibt es noch den Lockenberg um den Kopf und die runde Brille im Gesicht. Eine Berliner Sammlerin erzählt, dass sie Martin Creed mal in New York auf der Straße getroffen habe, und ihm fast einen Dollar in die Hand gedrückt hätte – für neue Klamotten. Auf jeden Fall sollte sich jeder mit einem gewissen Sinn für schwarzen Humor wappnen, der ihm und seinen Arbeiten begegnet.

Das war schon damals so, als er 2001 den britischen Turnerpreis in London erhielt, und ja, Madonna, eine ziemlich unflätige Rede hielt und alle Künstler beschimpfte. Die Kunstwelt also schaute auf Creed, und der zeigte „227 – The Lights Going on and off“, einen leeren Raum, in dem alle paar Sekunden das Licht an und aus ging.

Irgendwie kam Galerist Jörg Johnen auf die Idee, Creed zum 30-jährigen Jubiläum mit der Einweihung des neuen Galerieraumes zu betrauen. Zumal der Brite in der Marienstraße bereits das mächtige Eingangstor – weithin sichtbar – in Blattgold hüllte. Johnen ließ im Hof die marode, denkmalgeschützte Remise ausbauen. Entstanden ist ein schmaler White Cube, der Erd- und Obergeschoss vereint und eine Höhe von 7 Metern erreicht. Diese Höhe will bespielt sein. Und genau dieses Thema greift Martin Creed auf – zu sehen gibt es einen zackigen Stahlturm und eine Pyramide aus Küchenpapierrollen. Eigentlich wollte er Toilettenrollen nehmen. Zu viele, die er da zu einem blütenreinen Türmchen stapeln müsste. Bei der Vernissage stand Creed in besagter Karohose neben seinen Rollen, das förderte die Gespräche rundum ungemein. Der Abend jedenfalls war wunderbar.

Die alte Galerie im Haupthaus ist jetzt Showroom. Dort sind die „Early Works“ versammelt, ein großer Teil von Jörg Johnens künstlerischen Wegbegleitern, Candida Höfer, Thomas Ruff, Wiebke Siem, die im Herbst den Goslarer Kaiserring erhält. Mit Creed steigen wir die Treppen hinab – umgeben vom froschgrünen Raster-Look des Treppenhauses.

Johnen Galerie, Marienstr. 10. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 17. April. Die „Early Works“ laufen ebenfalls bis 17. April.

Der Portugiese Jorge Queiroz kam vor zehn Jahren mit einem Künstlerstipendium ins Künstlerhaus Bethanien. Eigentlich wollte er nur einige Monate bleiben, es wurden acht Jahre. Er zeichnete, großformatig. Seine Linien verdichteten sich zu seltsamen Gespinsten, die sich über die Blätter zogen wie Gewächse. Auf der 4. Berlin Biennale zeigte er das Video „June“, da gab es Geister und springende Hirsche.

Seit einem Jahr ist er zurück in Lissabon, und offenbar nicht mehr der gleiche. Er ist auf die Farbe bekommen, und das mit mächtiger malerischer Geste. Eine Farborgie aus Pink, Violett und Moosgrün. Man mag rätseln, ob es vielleicht am besonderen Licht der Metropole liegt, an der sanften Melancholie der „Schönen“. Diese Farben sind so anders, sie leuchten von innen heraus, unglaublich samtig, dafür gedämpft. Solche Farben findet man einfach nicht in Berlin.

Es braucht einige Zeit, um sich einzufinden in Queiroz’ surrealem Universum. Wir sehen Flächen und wir sehen Landschaften, Figuren, Köpfe, Gegenstände; es wirbelt durcheinander, steht Kopf. Konturen explodieren.

Sind es Visionen, gar Erinnerungen? Oder Träume, wurde der 48-jährige Künstler mal gefragt. Nein, so etwas träume er nicht, sagte er. Egal, bei Jorge Queiroz fließt alles zusammen in eine große, wundersame Geschichte.

Veneklasen/Werner, Rudi-Dutschke-Str. 26. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 26. April.

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien