Animationsfilm

Nicht kleckern, Klötzchen

Ganz schön subversiv: In „The Lego Movie“ nehmen die Guten den Kampf gegen eine galaktische Pattex-Waffe auf

Lauter strahlende Gesichter. Bei kleinen und bei großen Kindern. Beim Vip-Event-Screening gestern Nachmittag am Potsdamer Platz ist mal kein Roter, sondern ein Gelber Teppich ausgerollt. Auf die Bühne des Cinestar-Kinos kommen keine Filmstars, sondern zwei riesengroße Legomännchen. Bzw. ein -männchen und ein -weiblein. Und nicht nur die Kleinen, auch viele Erwachsene sind sich nicht zu schade, mit ihnen fürs Foto zu posieren. Danach geht es, dafür muss man ja nicht mal das Haus verlassen, direkt rüber zu Legoland. Dort gibt es süße Lego-Bausteine zu Essen. Es ist die erste Vorführung von „The Lego Movie“ in Berlin, der dann kommenden Donnerstag regulär anläuft.

Und alle werden ihn sehen wollen. Mit Lego sind schließlich ganze Generationen groß geworden. Alle kennen die bunten Bauklötzchen mit den typischen Stecknoppen. Jeder hat mal das Geräusch geliebt (oder liebt es noch immer), wenn man einen ganzen Eimer voller Steine auf dem Boden entleert. Jeder hat mal das Chaos auf dem Boden geliebt. Und die Eltern nicht verstanden, die darüber traten und schimpften. Spielzeug ist Moden unterworfen. Auch Lego hat sich verändert. Aber im Gegensatz zur Konkurrenz hat sich das würfelige Baukastenprinzip in den Kinderzimmern der Welt erhalten.

Nun also der Film. Mit „The Lego Movie“ von Phil Lord und Christopher Miller, den Machern von „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“, haben hier nicht nur einen hinreißenden Trickfilm geschaffen. Sondern quasi das Geschäftsprinzip des Spielzeugherstellers zum Plot gemacht. Wenn das nicht subversiv ist. Es gibt ja zwei Möglichkeiten, mit Lego zu spielen: Nach Anleitung aufbauen, zusammenkleben und für immer ins Regal stellen. Oder immer wieder auseinanderbauen und neu zusammenstöpseln. Ein böser Schurke, der Lord Voldemort gleicht, aber ganz konkret Lord Business heißt, steht für das Ewigkeitsprinzip. Schluss mit dem Rumbasteln. Alles hat nach (seinem) Plan zu gehen. Dafür gibt’s einen Super-Pattex, der die Klötzchen auf immer zur Immobilität verdammt.

15 Millionen Klötzchen für den Film

Aber laut Prophezeiung gibt es einen Erlöser, der hier schlicht „der Besondere“ heißt. Er soll dafür sorgen, dass nicht die komplette Legowelt dem Lord auf den Leim geht. Und dieser Besondere soll ausgerechnet Emmett sein, eine Art Otto Normallegomännchen, das von sich selbst behauptet, er sei „ein ganz einfacher, stinknormaler Typ“. Mit so einem kann sich jeder identifizieren. Dieser klassische Nobody wird im Kampf für die kreative Freiheit unterstützt von der schönen Wyldstyle und vielen Figuren, die wir aus anderen Filmen kennen, aber längst ins Lego-Universum übergegangen sind, Batman, Gandalf, die „Star Wars“-Helden.

Gewöhnlich läuft es ja andersherum. Erst gibt es den Film und dann das Spielzeug. Franchise nennt man das. Pu, der Bär als Plüschteddy. Das „Star Wars“-Leuchtschwert. Die „Batman“-Actionfigur. Die Harry-Potter-Brille. Bei Lego aber verhielt es sich einmal so, dass die faszinierten Kinder älter wurden und von ihrem Spielzeug dennoch nicht lassen konnten. Der gefeierte Regisseur Michel Gondry etwa hat das Musikvideo zu „Fell In Love With a Girl“ von den White Stripes mit Lego-Figuren inszeniert. Und ist da in bester Gesellschaft.

Filme mit Klötzchen, sogenannte „Brick-Movies“, sind längst ein eigenes Genre, die sich im Internet größter Beliebtheit erfreuen. Liebevolle Remakes wie die Star-Wars-Parodie „StarLego“ etwa, der Duschmord aus Hitchcocks „Psycho“ oder auch die Nachstellung des WM-Sieges 1954 in „Die Helden von Bern“. Seit Februar diesen Jahres gibt es dazu sogar ein Buch auf dem deutschen Markt: „Kreative Filme mit Lego-Figuren“.

Da ist es wohl nur konsequent, dass Lego einmal nicht nur die Kulissen und Stars stellt, sondern den offiziellen und ersten abendfüllenden Lego-Film produzieren ließ. Bei dem man dann bitteschön auch nicht über Product Placement jammern soll. Es ist ja eher so, dass man sich hier das ureigene Material von den Brickfilmern zurückgeholt hat.

Und alles, das ist das Schöne, ist wirklich Lego. Jedes Feuer, jedes Wasser, jede Wolke ist aus Klötzchen gebaut. Bei Verfolgungsjagden werden aus umliegenden Bauteilen in Sekundenschnelle neue Legogeräte gebastelt, um entkommen zu können. Und wenn es mal knallt, und es knallt hier oft, dann fliegen lauter einzelne Teilchen in Zeitlupe auseinander. Nicht kleckern, Klötzchen. 15.080.330 Steinchen, so hat jemand nachgezählt, wurden für diesen Film verbaut.

Das Schönste an diesem ganz besonderen Lego-Spiel ist aber nicht die Tatsache, dass dies wohl der familienkompatibelste Film des kommenden Halbjahres ist. Dass er quietschbunte Unterhaltung mit rasanter Action und ironischen Seitenhieben kredenzt. Sondern dass ausgerechnet ein Film zu einem Spielzeug, das nach dem Baukastenprinzip funktioniert, eben nicht nach Baukastenprinzip gedreht wurde. Natürlich ist die Produktwerbung in „The Lego Movie“ nicht eben subtil. Umso mehr verwundert das im Grunde anarchische Moment.

Haut alles in Stücke, lehrt uns der Film immer wieder, und baut es neu auf. Der ganze „Lego Movie“ ist eine einzige Aufforderung für mehr Eigen-Kreativität, eine Anleitung zum Fantasievollsein. Was den Gebrauchsanweisungen zu so vielen komplizierten Lego-Produkten (die viele genervte Väter zur Genüge kennen dürften) diametral gegenübersteht. Da rede noch einer von Schleichwerbung. War den Lego-Herstellern aus dem dänischen Billund eigentlich klar, wie sehr Hollywood mit diesem Film an ihrem eigenen Business kratzt?