Konzert-Kritik

Ungewohnt leidenschaftlich: Rafał Blechacz in der Philharmonie

Noch vor kurzem galt Rafał Blechacz, der umjubelte Chopin-Wettbewerb-Gewinner von 2005, als Traum eines jeden Klavierpädagogen.

Gefeiert für seine makellos feine Klanggestaltung, verehrt für seine seriös leuchtende Werktreue. Doch diesmal probt Blechacz den Aufstand. Das ursprünglich angekündigte Programm wirft der 28-Jährige im Kammermusiksaal der Philharmonie über den Haufen. Anstelle von Debussy und Szymanowski kommt er mit Mozarts brillanter D-Dur-Klaviersonate KV 311 und Beethovens revolutionärer „Pathétique“ aufs Podium. Im Mozart verströmt er noch jene aristokratische Aura, dicht an die Tastatur.

Und dann die Überraschung: Blechacz rammt sich gleich zu Beginn der c-Mo jene wohlüberlegte Natürlichkeit, die man am ehesten von ihm erwartet. Wie ein junger Lord thront er vor dem Steinway, seine blassen Hände schmiegen sich ll-Sonate op. 13 von Beethoven mit äußerster Brutalität aus kultivierten Bahnen. Seinem schmalen Körper scheinen Muskelberge zu wachsen. Ist das wirklich Blechacz, der solch schwindelnde Rekordtempi vorlegt? Der solch bebende Leidenschaften zu entfesseln vermag? Dunkle Ruhe lastet auf dem As-Dur-Mittelsatz. Geschmeidig wie eine Wildkatze pirscht der Pianist durch das Finale.

Seinen noblen Chopin-Ton verweigert Blechacz an diesem Abend. Aggressiv steigt er in die beiden Polonaisen op. 40, presst bedrohliches Schlachtengrollen aus den Tasten. Er zelebriert einen Chopin der Härte und Schärfe. Selbst die elegische Mazurka op. 63 Nr. 3 verliert dabei ihre zärtliche Unschuld. Das cis-Moll-Scherzo braust schließlich so geschwind seinem Ende entgegen, dass man Blechacz durchaus Langeweile auf höchstem Niveau unterstellen könnte. Alfred Brendel behauptete einst, man müsse sich als Pianist zwischen Chopin und Beethoven entscheiden. Man könne nicht beide zugleich auf Weltklasse-Niveau spielen. Wer weiß – vielleicht beweist Blechacz in ein paar Jahren das Gegenteil.