Stadtschloß

Blick zurück in die Zukunft

Er entwarf die Schlossfassaden. Das Bode-Museum entdeckt den Baumeister Andreas Schlüter neu

Einen sehr langen Bauzaun gibt es zu sehen. „Hier wird ein Schloss gebaut!“ steht gleich in mehrfacher Ausführung drauf. Der Sightseeing-Bus hält am Schlossplatz. So, als ob nicht alle Welt wüsste, was hier nach zähen Debatten und erbittertem Schlagabtausch passiert. Vielleicht müssen sich die zuständigen Bauherren noch einmal selbst gut zusprechen. Die Betonfassaden für den zweiten Stock werden gerade hochgezogen. Von einem Schloss ist das noch weit entfernt.

Da bekommt die Ausstellung über Andreas Schlüter, den „Schloss Bau Meister“, einige Ecken weiter im Bode-Museum besondere Aktualität. Sie will kein nostalgischer Sehnsuchtsblick zurück sein, sondern vorführen, wie Schlüter (1659-1714) einst diese Stadt im königlichen Aufschwung prägte: seine Vorbilder, Einflüsse und Wirkung. Seine Barockfassaden werden – im modernen Kern des 21. Jahrhunderts – rekonstruiert. Schlüter, der aus Danzig kam, hatte als „Michelangelo des Nordens“ alle Bewunderung auf seiner Seite.

Der Michelangelo des Nordens

Schlüter reiste 1694, zunächst als Hofbildhauer, auf Ruf von Friedrich III., der spätere König Friedrich I., nach Berlin. Keine leichte Aufgabe, die er da zu stemmen hatte. Er sollte die mittelalterliche Doppelstadt Berlin-Cölln in eine großzügige, moderne Residenz umwandeln. Und das möglichst auf dem Niveau der schillernden Metropolen Rom, Paris und Wien. Er hatte ein Händchen dafür, wie man diesem von der Renaissance überformten Komplex Glanz und jene Eleganz verlieh, den ein Repräsentationsbau eben braucht. „Das war Barock auf allerhöchstem Niveau“, sagt Bernd Lindemann, Direktor des Bode-Museums. Zunächst wurde er auf Reisen geschickt, nach Frankreich und die Niederlande und natürlich Italien, um Abgüsse für die Kunst-Akademie zu erwerben. Michelangelo, Bernini & Co., diese Künstler inspirierten ihn. Ihre Stilformen flossen ein in seinen Schlossentwurf.

Im Mittelpunkt steht ein großes Modell aus den 80er-Jahren. Hier kann man nachvollziehen, wie Gesimsformen, Fenster, Balustradenfiguren und andere Profile die schlüterschen Fassaden strukturieren. Die offizielle, feierliche Stadtseite zum Schlossplatz wird mit Säulen besonders ausgezeichnet, Geschosse dekorativ verklammert. Die Front zum Lustgarten hatte eine etwas „andere Tonlage“ wie Lindemann es nennt, indem auf Säulen verzichtet wurde und Schlüter dort andere tragende Elemente wie Hermenpilaster einsetzte. Einige dieser Teile der Schlossdekoration, darunter Widder und Adlerfragmente oder Plastiken der Götter und Halbgötter des Schlüterhofes, konnten geborgen werden. Sie liefern jetzt die Vorlage für die Nachschöpfung.

In der Schlossbauhütte werden diese Formen derzeit in Ton modelliert, ehe sie in Sandstein für die endgültige Fassadengestaltung gearbeitet werden. Schlossansichten aus dem 18. Jahrhundert sind präzisen Zeichnungen aus dem Berliner Büro Stuhlemmer Architekten gegenübergestellt. Das Schwierige bei der Rekonstruktion ist, dass es keine Bauaufnahme gibt, die heutigen Grundrissen entspricht. So dienen Fotos als Vorlage, um überhaupt einige Maße zu ermitteln.

16 Werke von Schlüter gehören in den Fundus des Bode-Museums. Die Götter Amphitrite und Neptun liebäugeln miteinander in der Kamekehalle. Vier der Großplastiken aus der im Krieg zerbombten Stadtvilla (sie stand in der Dorotheenstraße), sind erhalten. Ein Büstenfragment des Mars wurde gerade restauriert. Er gehörte zum mythologischen Programm auf dem Mittelrisalit des Privatgebäudes. Schlüters letzter Auftrag an der Spree. Er ging nach St. Petersburg.

„Schlüter in Berlin“, dafür ist eigens für die Schau sogar ein Stadtführer entstanden, weil viele seiner Werke ja nicht transportabel sind: seine „Sterbenden Krieger“, die zum Skulpturenschmuck im Zeughaus gehören. Nicht weit entfernt im Dom befinden sich die Prunksärge der Königin Sophie Charlotte und ihres Gemahls Friedrich I. In der Marienkirche ist die Kanzel als tektonisches Bravourstück zu bewundern. Kühn in der Konstruktion: vier Säulen ersetzen den unteren Teil des Pfeilers. Eine Anspielung auf den Baldachin auf St. Peter.

Nächste Station: die Nikolaikirche mit dem Grabmal für den Hofgoldschmied Daniel Männlich und seine Frau. Ein Privatauftrag. Die beiden Künstler waren wohl befreundet. Vor dem Schloss Charlottenburg grüßt das bronzene Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, das ursprünglich auf der Langen Brücke stand, die zum Schloss führte. Vom Typus verweist es auf die Marc-Aurel-Statue in Rom. Ein Gemälde von Maximilian Roch (1972-1826) zeigt, wie imposant der Herrscher einst über seine Stadt blickte.

Als ein ausgetüfteltes, in die Höhe geschraubtes Raumkunstwerk präsentiert sich das prächtige Treppenhaus mit den kunstvollen Verschachtelungen. „Man könnte“, sagt Lindemann, „es theoretisch wieder einbauen“. Die Kubatur jedenfalls ist vorgegeben. Auch die einstigen Prunkräume könnten rekonstruiert werden, die Raumhöhen sind da. Das aber wäre eine neue Debatte und widerspricht freilich der Nutzung des Gebäudes als modernes Museum. Über die zwei Etagen hinweg sollen künftig im Humboldt-Forum die erhaltenen Skulpturen an den Wänden präsentiert werden.

Es ist kurios, obgleich Schlüter als einer der großen barocken Baumeister gilt, ist sein Werk wenig populär. Er war schlicht verschwunden. Selbst sein Grab ist unbekannt, sein Porträt im Sprengschutt des Schlosses zerstört. Die letzte große Publikation kommt aus dem Jahr 1935. Lindemann sieht den Baumeister als „Opfer der Teilung“. Seine Arbeiten waren lange Jahre nicht wirklich sichtbar für die Öffentlichkeit. Sein Herzstück, das Berliner Schloss, war gesprengt, der Dom zerstört. Und die Nikolaikirche sanierte man erst nach der Wende ganz.

Bode-Museum, Am Kupfergraben. Di-So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Ab 4. April. Katalog: 29,90 Euro.