Fernseh-Krimi

Borowski geht im Kieler „Tatort“ auf Tauchstation

Die Ausbeutung der Weltmeere ist das Thema

Es ist so seltsam da unten im Meer. Die ersten Einstellungen dieses „Tatorts“ zeigen uns das kuriose Leben auf seinem Grund. Die Tentakel einer Anemone, sie wiegen sich in der Strömung wie im Wind. Ein Krebs, der stumm mit seinen Scheren grüßt. Ein winziger Fisch enteilt irgendwohin, nur tanzende Schwebeteilchen bleiben zurück. Dann Schnitt, das Wasser eines gut gechlorten Swimmingpools: Ein Mann wird brutal hineingedrückt und ertränkt. Er schreit. Man hört nur ein Gurgeln.

Das Wasser ist das Leitmotiv dieses Films, der sinnigerweise „Borowski und das Meer“ heißt. Ein Umweltschützer ist gestorben im fernen Neuseeland, angeblich ein Badeunfall. Doch wir, die Zuschauer, haben schon gesehen, dass es keiner war. Und nicht nur wir: Auch der Jurist Sven Adam (Andreas Patton) weiß es. Wir begleiten ihn in den ersten Minuten. Er besucht einen nächtlichen Bootsausflug der Firma Marex, für die er arbeitet. Sektkelche klirren, man trägt elegant-legere Kleidung und will sich entspannen. Aber Adam fremdelt. Dann steht er an Deck in der Nachtluft, ein Schuss fällt, und er kippt über die Reling ins Meer.

Sie hatten die Idee beim Kieler „Tatort“, einmal das dortige Geomar-Institut in die Handlung einzubinden. Eine Einrichtung, in der chemische, physikalische, biologische und geologische Prozesse im Ozean untersucht werden. Drehbuch Autor Christian Jeltsch ist dorthin gefahren und hat sich für ein faszinierendes Thema entschieden: den Abbau von Rohstoffen im Meer. Genauer: von Seltenen Erden, ein Sammelbegriff für eine Reihe von schwer auffindbaren Metallen, werden in großer Menge für die Technik des modernen Lebens benötigt. Der weltweite Bedarf ist riesig, und was ergibt sich aus einer Knappheit des Angebots? Richtig, ein Geschäft.

An diesem riesigen Geschäft ist Sylvana Vegener (Karoline Eichhorn) besonders interessiert, die Chefin von Marex. Sie ist eine emotional tiefgekühlte Karrierefrau mit gut trainierten Oberarmen, man muss ein wenig Angst vor ihr haben. Marex konkurriert mit einer neuseeländischen Firma um die künftigen Schürfrechte. Wie hängt das mit dem seltsamen Todesfall in Neuseeland zusammen? Und wo ist die Leiche? Nach der wird immer noch gesucht. Es liegt in der Logik des Genres, dass Kommissar Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) auf weitere Verdächtige stoßen. Schnell entdecken wir in einer Nebenrolle die wunderbare Nicolette Krebitz als Ehefrau des Ermordeten. Das gibt Grund zur Sorge, denn der routinierte Krimikonsument kennt natürlich die eiserne Regel, wonach eine prominent besetzte Nebenrolle immer absolut mordverdächtig ist. Aber gibt es überhaupt einen Toten? Alles schwebt in diesem sehenswerten „Tatort“. Und es macht Freude, ihr dabei zuzusehen, wie sie das spielt: Eine Frau, die durch ihr Leben wandelt wie ein Krebs am Meeresboden: ohne Ziel und ohne Grund.

ARD, heute, 20.15 Uhr