Kunstsache

Ausflug ins Disneyland

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Der Flaneur mit der herrlichen Schlaghose drückt sich die Nase platt an der Fensterscheibe von Eigen + Art. Was er denkt, wissen wir nicht. Zwei gigantische Kakerlaken haben sich der Wand bemächtigt. Eine fährt ihr Werkzeug aus. So groß die Schaben sind, so minimal sind sie in der Ausarbeitung aus winzigen braunen Papp-Mosaiken. Könnte bald auch eine Theaterkulisse sein für einen Kafka.

Birgit Brenner, die 50-jährige Künstlerin, ist eine Lebensgeschichten-Erzählerin. Mann, Frau, der Einzelne, die Gesellschaft – diese Spannungsverhältnisse sind ihr Thema. Bei Eigen + Art geht es diesmal um eine Messie-Frau. „Selbst Schuld“: Das sind jene Menschen, die sammeln und sammeln, bis es monströs wird. Alles wächst ihnen über den Kopf – und die Wohnung zu. Einen schwarzen Grundriss hat Brenner also konstruiert, unerreichbar hoch oben hängt er an der Wand der Galerie.

Keiner kommt da ran, nur schauen kann man. So geht es den Messies täglich. Darauf türmen sich schwarze Platten. 81 oder 154, diese Zahlen sollen die Höhe des Mülls markieren. Kein Weg führt raus aus diesem dunklen Labyrinth. Und dann diese Sätze auf Pappe: „Vom Laufsteg zurück ins Dorf“ und „Im Dreck leben“. Wenn man so will, ist die Berlinerin so etwas wie die Psychologin unter den Künstlern. Sie entwirft dramatische Versuchsanordnungen. Sie analysiert genau, schreibt das auf, in knappen, umso mächtigeren Sätzen. Beides gehört bei ihr zusammen. Alles wirkt unglaublich direkt, so dass wir uns nur schwer entziehen können.

Wahrscheinlicht pickt Birgit Brenner ihre Geschichten irgendwo hier in Berlin auf der Straße auf. Vielleicht, wenn sie in ihr Atelier in Kreuzberg fährt. Auch die U-Bahn ist ein mobiles Biotop für Sozialstudien. Man lernt schnell: Unten ankommen, das kann schnell geschehen. „Meine Figuren“, hat sie in einem Interview mal erzählt, „sind nicht verrückt. Die hängen immer zwischen dem Herauskippen aus der Gesellschaft und dem Gerade-noch-Dazugehören“.

(Eigen + Art, Auguststr. 26, Mitte. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 19. April)

Ganz andere Geschichten erzählt der in Berlin lebende Fotokünstler Thomas Struth. Auch er schaut genau hin. Da sehen wir das Matterhorn samt kristallklarem Bergsee mit einem kanariengelben U-Boot. Eine rote High-Tech-Bahn kreist.

Die moderne Idylle aber ist eine vollkommen künstliche Welt – aufgenommen ist das Großformat mit über drei Metern von Struth in Anaheim, Kalifornien. Das dortige Disneyland ist seit 1955 die Urmutter alle Freizeitparks. Prototyp für unsere Beglückungssehnsucht. Viele Millionen Besucher kommen jährlich.

Nahezu menschenleer hat Struth die Szenerie fotografiert. Das macht das Motiv seltsam abstrakt, entrückt es der Realität, entlarvt es als Scheinwelt. Das Kuriose ist, dass diese Pappmache-Welt nicht zu orten ist. Sie könnte überall sein, kulturelle Unterschiede sind aufgehoben. Außer, dass ein Bergmassiv natürlich nicht am Roten Meer existiert.

Struth zeigt bei Max Hetzler noch weitere meist entleerte Panoramen, einige davon sind auch in Berlin entstanden. Der Fotograf, der zur Becher-Schule zählt, beobachtet seit Jahren Orte technologischen Fortschritts. Das führte ihn nicht nur ins Helmholtz-Zentrum, sondern auch in die Charité. Dort operiert Roboter-Doc „da Vinci“ – „präziser, moderner, schonender“, so wirbt die Klinik für ihren künstlichen Chirurgen. Rob-Doc ein Künstler? Der Blick auf den Op-Tisch ist krass: seine stählernen „Arme“ sind in sterilem Plastik verpackt, überall Neon, Schläuche, bloß eben kein Mensch. Nur der, der da gerade, kaum sichtbar, auf dem Tisch liegt. Struth jedenfalls scheint der Technik nicht ganz zu trauen.

(Max Hetzler, Goethestr. 2/3, Charlottenburg. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 19. April)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien