Record-Release

Lieder wie Schnappschüsse der Seele

Die Berlinerin Dillon veröffentlich mit „The Unknown“ wieder ein erstaunliches Album. Eine Begegnung

Auf der Oranienburgerstraße lässt gerade einer die Hosen herunter. „Geh’ da hin, wo du herkommst“, ruft der Mann vorm Eisladen gegenüber. Die ersten Vorbeilaufenden halten an, um sich das Spektakel anzusehen. Der erste warme Tag im März und die Menschen tragen Sonnenbrillen und sind Malaga-und-Zitrone-mit-Waffel-bitte-gut-gelaunt. „Typen wie Dich, wollen wir hier nicht.“ „Ich bring Dich um, wenn du nicht aufhörst, mich anzuschauen“, ruft der mit den Hosen knapp über den Schuhen zum Mann von der Eisdiele. Sobald die ersten Sonnenstrahlen kommen, wird Berlin wieder verrückt, weil die Verrückten wieder rauskommen. Besser ist, man geht gar nicht nach draußen.

Im komplett schwarz gestrichenen Zimmer ihrer Plattenfirma sitzt also die Sängerin Dillon. Sie hat den Fehler mit dem Rausgehen nicht gemacht. „Ist dieser Raum nicht absurd? Er ist absurd. Das hier ist kein Zustand. Es ist heiß hier.“ Vor zweieinhalb Jahren veröffentlichte Dillon mit „This Silence Kills“ eines der bemerkenswertesten Debüts unser Zeit.

Die in Berlin lebende Sängerin, Jahrgang 88, zauberte damals ein dunkles, schüchternes Meisterwerk, geheimnisvoll und introvertiert und doch zerschossen vom Stroboskop des Clubs. Musik, die davon lebte, so wenig Musik zu sein, wie möglich. Es war der Soundtrack zum dunklen Verschwinden in sich selbst. Tatsächlich musste Dillon verschwinden. „Ich bin davon ausgegangen, dass ich nach meinem Debüt, zwei, drei Wochen toure. Nach Hause komme. Urlaub mache. Und anfange, am neuen Album zu arbeiten. Ich war letztendlich zwei Jahre auf Tour.“ Als sie wiederkommt von dieser endlosen Tournee, den sich immer und immer wiederholenden Abläufen, fehlt ein Teil von ihr. „Ich weiß nicht, wann es weg war. Aber es war weg. Ich dachte ich muss verreisen, andere Länder sehen, andere Städte, ich habe alles versucht. Ich bin geflogen, Auto gefahren, spazieren gegangen, gewandert, geklettert. Weg.“

Dillon kann nicht mehr schreiben, weil sie raus wollte. Andere fahren nach Australien, irgendwo hin in die Ferne, um sich selbst zu finden. Was seltsam ist, weil man sich ja eigentlich nicht dort finden kann, wo man gar nicht ist. Dillon fährt nach Brandenburg, sie fliegt nach Los Angeles. „Ich habe überhaupt nichts gefunden, noch nicht mal ein Gedicht. Nichts ist hängen geblieben. Früher erinnerte ich mich an alles. Aber ich habe mich an gar nichts erinnert.“

Sie reiste viel, flog um die Welt

„The Unknown“ schmeißt den Hörer genau in dieses Nichts hinein, in das Unbekannte, in die Unendlichkeit, in das Schwarze, in das Weiße, in das Radikale, in das Absolute. Die Instrumentierungen sind noch spärlicher als auf Dillons Debüt. Minimal ohne Techno und dann doch wieder Beat. Teilweise hören wir nur Flächen, ein Bauchton am Horizont, minutenlang, darüber diese zerbrechliche Stimme, die jede Sekunde aufhören zu droht. „Forward! Forward! Forward! Move forward!“ ruft sie im Stück „Forward“. Es muss ja weiter gehen.

„Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass alles, worüber ich schreiben muss, schon in mir ist, dass es mir nichts bringt, mich mit meiner Außenwelt auseinander zu setzen.“ Dillons Augen sind braun, ihre Lippen lila und die Seiten unter ihrem langen Haar sind ausrasiert.

Sie singt von Bäumen, Ästen und Tälern auf „The Unknown“, schafft sich ihre eigene Welt. Eine Welt, die eben nicht da draußen war, die in ihr selber existiert, ohne, dass sie es wusste. „Das ist ein ganzes Land. Ich habe versucht, eine Landkarte zu malen. Das war mein Album. Ich habe Gedichte geschrieben, um das Land zu kartographieren. Das war meine Reise.“ Die Reise in ihr Inneres. „Man muss schwimmen, um dort hinzukommen“, sagt sie.

„The Unknown“ entsteht mit den Produzenten Thies Mynther und Tamer Fahri in Hamburg. Bei der Aufnahme des Debüts geht sie mit fertigen Songs in Studio. „The Unknown“ beginnt auf Basis einer einzigen Melodie und eines Textfragments. „The Unknown“ ist Werk und Dokumentation des Arbeitsprozess zugleich. Wie ein Tagebuch, das zum Roman wird. „The Unknown“ ist die Vertonung der Angst vor dem Scheitern, vor der absoluten Leere. „Don’t Go“ beginnt nur mit einem Schaben, wie von einer müde geworden Holzsäge. Und wieder sind es nur Ausrufe. „Don’t go! Don’t go!“ und dann die Beschreibung „a fading memory“.

Später kommt das nervöse Tickern eines winzigen Tischtennisballs dazu und dann folgt die Komik, denn Dillon bricht die Leere mit einem Synthesizer, so tänzelnd komisch, wie ein betrunkener Käfer in einem Cartoon. Der tanzt dann darüber. Im Angesicht der ernsthaften Sorge, dem Wunsch, der andere solle nicht gehen, wirkt es absurd komisch, diesen Synthesizer zu spielen. So komisch, wie die Gewissheit, dass die Bücher des Untersuchungsrichters in Kafkas „Process“ voller Pornobildchen sind. Weil die Pornos bei Kafka, weil der Synthie bei Dillon eigentlich gar nicht in die Situation passen, und doch deren Tragik beschreiben.

Dillons Songs sind unscharf, kaum fokussiert. „Unschärfe ist doch großartig. Gerhard Richter. Nichts muss scharf sei. Nur sieht man es besser und erkennt es. Und davor hat man Angst. Etwas zu erkennen, was man vorher nicht erkennen konnte.“ Wer „The Unknown“ hört, muss sich dieser Angst stellen. Es ist die Angst vorm eigenen Spiegelbild, vorm eigenen Ich, in dem das Unendliche, wie das Endliche steckt. „Alles kann heute vergänglich sein und morgen für immer. Manchmal macht das überhaupt keinen Sinn, es ist ein ewiger Widerspruch. Darüber muss ich schreiben.“

Heimathafen, Karl-Marx-Str. 141. Konzert: 3. April, 21 Uhr. „The Unknown”, erschienen bei BPitch Control/Rough Trade.