Zukunftsfilm

„Wir alle sind auf der Suche nach Intimität"

Regisseur und Oscar-Gewinner Spike Jones über den Zukunftsfilm „Her“

Mit seinen 42 Jahren wirkt Spike Jonze noch immer wie ein jugendlicher Skater, der gleich mit seinem Board davonsaust. Der frischgebackene Oscar-Gewinner hat mit seinem neuen Film „Her“ den schönsten und klügsten Liebesfilm des Jahres gemacht. Thomas Abeltshauser hat mit dem Regisseur gesprochen.

Berliner Morgenpost:

„Her“ erzählt eine sehr ungewöhnliche Romanze. Joaquin Phoenix verliebt sich in die Computerstimme von Scarlett Johansson. Wie kommt man auf so was?

Spike Jonze:

Ich wollte einen Film über moderne Beziehungen drehen, und das ist eben die Ära, in der ich lebe. Die Geschichte ist sehr zeitgemäß und zugleich hoffentlich zeitlos. Ich wollte von Intimität erzählen und wie Menschen Anschluss finden. Und wenn heute jemand eine Fernbeziehung über Skype führt, ist das natürlich sehr modern, das gab es so bisher nicht. So etwas fand vielleicht am Telefon statt und noch früher per Brief. Heute unvorstellbar, dass man eine Woche auf einen Brief seiner oder seines Liebsten wartet! Ich wollte über Beziehungen schreiben, um sie besser zu verstehen. Ich habe über Dinge geschrieben, die mich bewegt und durcheinandergebracht haben. Ich finde, es gibt kein verwirrenderes Thema und auch kein bedeutenderes als Beziehungen.

Warum haben Sie sich entschieden, über Beziehungen im Kontext moderner Kommunikationstechnologie zu erzählen?

Ich hatte selbst schon Fernbeziehungen und natürlich nutze ich das Internet, Textnachrichten und all das. Ich wollte die Geschichte eines Mannes, der sich in eine Stimme verliebt, als Analogie nutzen, um davon zu erzählen, wie sehr Beziehungen in unserem Kopf ablaufen. Selbst wenn der andere physisch anwesend ist, beruht das Meiste darauf, wie wir die Worte, Handlungen und Intention unseres Partners interpretieren. Aber es gibt nicht den einen Grund, warum ich diesen Film so gemacht habe. Ich komme mir fast vor, als würde ich mich selbst betrügen, wenn ich versuche, es in Worte zu fassen.

Warum das?

Es hat drei Jahre gedauert, um diesen Film zu machen und es dauert zwei Stunden, um ihn zu sehen. Ihn zu erklären, ist also immer eine Reduktion. Es gibt vielleicht zwanzig Gründe, warum ich ihn gedreht habe und manche davon widersprechen sich. Er bedeutet sehr viele unterschiedliche Sachen für mich. Und so unterschiedlich sind auch die Reaktionen der Zuschauer, die ihn alle aus ganz verschiedenen Gründen mögen oder nicht mögen.

Sehen Sie sich als eine Art filmischer Psychoanalytiker?

Manchmal, ja. Und ich liebe es. Es gibt für mich nichts wertvolleres, als eine authentische Verbindung zu jemandem aufzubauen. Der Film scheint etwas auszulösen und viele verraten mir sehr persönliche Dinge. Wenn mir zum Beispiel jemand von seiner Fernbeziehung erzählt und was der Film für ihn bedeutet, fange ich gleich an, mir vorzustellen, wie das Leben dieses Menschen aussieht. Vielleicht bilde ich mir vieles davon nur ein, aber ich glaube schon, dass ich eine ganz gute Intuition habe. Unter all dem Stress, den wir haben mit Arbeit, Terminen, Plänen, Reisen und so weiter, verbindet uns doch alle das Bedürfnis nach zwischenmenschlichem Kontakt. Wir alle sind auf der Suche nach Intimität. Und das macht „Her“, doch sehr universell.

Der Technikaspekt ist ein wichtiger Teil des Films ist. Das sprechende Betriebssystem ist eine Zukunftsvision, die durchaus plausibel erscheint. Wie haben Sie recherchiert?

Ich habe natürlich den Zukunftsforscher Ray Kurzweil gelesen, aber auch Texte darüber, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Und das findet auf eine Art seinen Widerhall im Film, doch das war mir gar nicht so wichtig. Ich habe auch Bücher über die Entstehung des Universums gelesen, und Beziehungsratgeber im Netz, was wirklich lustig war. Da gibt es Foren, wo jemand eine Frage stellt und 50 Leute geben ihren Senf dazu. Faszinierend. Ich habe einen ganzen Tag nur damit verbracht und nenne das dann Arbeit. Aber im Ernst, diese Kolumnen waren ebenso relevant wie etwa Kurzweils Theorien.