Theater

Die Schriften sind zurück

Berlin hat gut verhandelt und bekommt ohne Prozess, aber gegen eine Schutzgebühr in Höhe von 15.000 Euro das Iffland-Archiv geschenkt

Das Land Berlin bekommt etwas geschenkt, was ihm ohnehin gehört. Und die Empfänger sind glücklich. Die 34 Bände (verblasster Pappeinband, preußische Fadenheftung) mit etwa 6000 Seiten waren am Mittwochmorgen per Flugzeug aus Wien gekommen. Mit der Rückkehr des Archivs des Berliner Theaterdirektors August Wilhelm Iffland (1759-1814) endet eine Geschichte, die ein kulturpolitischer Skandal zu werden drohte, gütlich mit der Zahlung von 15.000 Euro. Die überweist das Land Berlin als eine Art „Schutzgebühr“, wie Anwalt Peter Raue sagte, an das Wiener Antiquariat Inlibris. Das hatte das Iffland-Konvolut, das jahrelang als verschollen galt, von einem Berliner Privatmann für 50.000 Euro erworben und wollte es eigentlich im Januar auf der Ludwigsburger Messe Antiquaria verkaufen. Für 450.000 Euro stand „Die Geburt des deutschen Nationaltheaters: das bislang verschollene Korrespondenzarchiv Ifflands“ im Katalog.

Legendärer Schauspieler

Zu Lebzeiten war Iffland eine Legende. Er hat sich auch als Schauspieler einen Namen gemacht und spielte Franz Moor in der legendären Uraufführung von Schillers Drama „Die Räuber“ in Mannheim. Er war 1796 bis zum seinem Tod 1814 Direktor des Königlichen Nationaltheaters in Berlin. Er war, anders als Goethe in Weimar, nicht nur für die künstlerischen, sondern auch die wirtschaftlichen Belange der Bühne verantwortlich, die er zur führenden in Deutschland machte. Das Berliner Theater hatte 2000 Plätze, es gab zwei Vorstellungen am Tag, die Stadt zählte damals um die 170.000 Einwohner. Iffland war nicht nur ein Macher, er beschäftigte sich auch mit Theater-Theorie.

Ein bisschen erinnert der Raum 319 im Berliner Rathaus, in dem sonst die Senatspressekonferenzen stattfinden, an einen Autopsie-Saal: ein großes weißes Tuch verdeckt etwas, was auf einem Tisch ausgebreitet ist. Daneben liegen mehrere Paar weiße Handschuhe. Dramaturgie einer Pressekonferenz: Das Geheimnis wird erst gelüftet, nachdem die Herren auf dem Podium sich gegenseitig in der Formulierungen bezüglich der Relevanz des heimgekehrten Ifflands überboten haben. Allerdings zu Recht, denn die Briefe, Aufzeichnungen, Aufsätze, Besetzungslisten, Rechnungen und Tabellen sind nicht nur theatergeschichtliche, sondern auch wertvolle kulturhistorische Dokumente. Das Ganze ähnelt natürlich auch die Präsentation der Reisetagebücher von Alexander von Humboldt vor einigen Wochen in der Staatsbibliothek, lediglich eine Nummer kleiner.

Uwe Schaper, Leiter des Landesarchivs, bezeichnet das Konvolut als „bedeutendes Zeugnis der Berliner Theatergeschichte“. Senatskanzlei-Chef Björn Böhning, der momentan auch die Position des Kulturstaats-Sekretärs besetzt, spricht von einer „unschätzbaren Bedeutung für die Kulturstadt Berlin“. Rechtsanwalt Peter Raue, der für Berlin die Verhandlungen in Wien führte, redet von einem „Schatz“ und kündigt „ein Drama in fünf Akten und einem Vorspiel“ an. Er flechtet elegant ein paar juristische Erläuterungen ein und braucht trotzdem nicht allzu lange, um zu erzählen, wie alles anfing. Schließlich ist noch ein Strafverfahren gegen Hugo Fetting, Jahrgang 1923, anhängig, das ist der Mann, der dem Antiquariat das Iffland-Konvolut verkauft hat.

Die Spur der Blätter verliert sich irgendwann, mutmaßlich in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in Ost-Berlin. Fetting war seit Anfang den 50er-Jahre Mitarbeiter der Akademie der Künste der DDR, schon früh hat er über Iffland gearbeitet, Ende der 70er-Jahre schließlich promovierte er mit einer Arbeit über das Repertoire des Berliner Königlichen Nationaltheaters unter der Leitung von Iffland. Angeblich habe Fetting die Iffland-Bände „1949 in den Trümmern Ost-Berlins“ gefunden, erzählt Raue. Dafür, das sie da einige Zeit herumgelegen haben, seien sie in einem erstaunlich guten Zustand, ergänzt der Anwalt, der diese Version für unglaubwürdig hält. Wahrscheinlicher dürfte sein, dass Fetting die Unterlagen aus dem Archiv mitgenommen hat; mit der Wahrheitsfindung beschäftigt sich ein Gericht.

Die Akademie der Künste, der das Iffland-Material offenbar vor dem Antiquariat angeboten wurde, beschäftigte sich vor zwei Jahren dann erneut mit dem Fall. Inlibris zweifelte wohl an der Herkunft der „Sammlung Fetting“, die neben den Iffland-Konvolut noch einiges anders umfasste, und bat um eine Einschätzung. Stephan Dorschel, Leiter des Archivs für die darstellenden Künste, fertigte einen Text „zur Provenienz der Iffland-Akten in der Akademie der Künste“ an. Sie verzichtete auf Ansprüche an den Iffland-Nachlass, und stellte damit dem Antiquariat eine Art Freibrief aus, im Gegenzug bekam die Akademie andere Teile aus der „Sammlung Fetting“ geschenkt, bei denen die Akademie der Künste der DDR, teilweise durch entsprechende Stempel erkennbar, Eigentümer war. Als alles öffentlich wurde, bedauerte Akademie-Archiv-Chef Wolfgang Trautwein Anfang 2014 die „unglückliche Formulierung“ – eine recht blumige Umschreibung eines seltsam anmutenden Deals.

Nun also ist auch der Iffland wieder da, Senatskanzlei-Chef Björn Böhning spricht von einer „langen Odyssee“, die „jetzt ein gutes Ende findet“, obwohl die Bände wahrscheinlich die längste Zeit in Berlin waren – nur hat nicht im Archiv. Da kommen sie wieder hin, das Landesarchiv übernimmt die Bände, die Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg wird wissenschaftlich auswerten. Und schon in einem Jahr, so hofft Landesarchiv-Direktor Uwe Schaper, sollen die Iffland-Bände digitalisiert und im Internet kostenfrei zugänglich sein. Eigentlich wäre der „Schatz“ auch ein schöner Grundstock für ein Berliner Theatermuseum, das bis 1944 im Schloss existierte, und für dessen Wiedereinrichtung sich ein Verein stark macht.