Ausstellung

Der Mann, der die Tiere liebte

Schwer charmant: Nilpferde und Ameisenbären bevölkern die Alte Nationalgalerie. Die Bronzen stammen vom Italiener Rembrandt Bugatti

Die Schau hat definitiv das Zeug zur charmantesten Ausstellung des Jahres. Eher selten, dass man mit einem Grinsen die Alte Nationalgalerie verlässt. Gähnende, müde Nilpferde in einer gehobenen Bilderanstalt haben so ihren eigenen Reiz. „Und ich muss nicht in den Zoo“, ruft der Direktor Udo Kittelmann euphorisiert am Treppenaufgang. Der Mann hat Recht. Im Museum wimmelt es nur so von aufregenden Tieren und Tierchen. Der italienische Bildhauer mit dem exzentrischen Namen Rembrandt Bugatti, der aus einer ebenso exzentrischen Familie stammt, hat sich in seiner kurzen Karriere mit ausschließlicher Leidenschaft den Zwei- und Vierbeinern verschrieben.

Eigenbrötler im Zoogehege

Ein vielleicht psychisch etwas labiler Eigenbrötler, der offenbar mit den Tieren besser konnte als mit Menschen. Für ihn „waren sie Freunde für alle Tage“, der Zoo seine Heimat. Während sich Künstler der Zeit wie Picasso, Matisse & Co. am Montmartre in Paris amüsierten und die Kunst revolutionierten, saß der junge Rembrandt, Jahrgang 1884, entweder vor oder in den Gehegen im Zoo. Um genau zu beobachten. Jeden Flügel, jede Bewegung, jede Kralle. So authentisch wie möglich. Universale Studien interessierten ihn weniger, sondern der individuelle Ausdruck jedes einzelnen Tieres. Gut möglich, dass er seinen Tieren einen Namen gab, Camille vielleicht für die Gazelle.

Etwa 80 dieser bronzenen Kreaturen haben sich nun mitten in den Bilderbestand des Museums gemischt: Ameisenbären, Pelikane, Tiger, Pythonschlangen, Antilopen und Elefanten. Die erste große Ausstellung in einem deutschen Museum überhaupt. Vielleicht ist Bugatti nicht gerade der Künstler, den man gleich mit der Moderne assoziiert, vielleicht haftet Tier-Künstlern generell etwas Konventionelles an, auf jeden Fall aber sind seine Skulpturen in ihrer Dynamik und Lebendigkeit grandios und kaum zu übertreffen in ihrer Ausarbeitung der bewegten Oberfläche. Und alleine die Geschichte der prominenten Künstler-Auto-Design-Dynastie sind eine kleine Biografie wert.

Diese Ausstellung in der Nationalgalerie verblüfft, weil sich absolut gewitzte Referenzen zwischen Malerei und Bildhauerei des 19. und 20. Jahrhunderts ergeben: Karl Friedrich Schinkel ist mit seiner gotischen Kathedralen auf den Hund gekommen. Caspar David Friedrichs Mondaufgang am Meer wird von fünf Pferden betrachtet. Honore Daumiers „Don Quichotte“ ist nun mit einem Affen samt Karotte unterwegs. Schöner noch ist die französische Mini-Bulldogge, etwa so groß wie zwei dicke Mäuse, sie glotzt Anton Graff („Selbstbildnis“, 1813) ziemlich frech direkt ins Gesicht.

Der Moppel gehörte Rembrandt Bugattis Mutter und ist, so winzig er ist, der Stolz der Nationalgalerie – das einzige Werk im Besitz eines deutschen Museums. Hugo von Tschudi, ehemals Chef der Nationalgalerie, hatte das Hündchen bereits 1906 erworben. Ein Jahr vorher hatte der Künstler – mit 21 Jahren – eine Präsentation im Hohenzollern-Kunstgewerbehaus. Bekanntlich lieben Berliner ihre Hunde, schon zur Eröffnung stand fest, dass dieser Vierbeiner zu den Lieblingen der Präsentation gehört.

Durch das gesamte Haus führt der Parcours, über drei Etagen hinweg. Dennoch wird das nicht langweilig, im Gegenteil. Jeder Raum bietet überraschende Blickachsen, die Dramaturgie steigert sich von Stock zu Stock. Im dritten Stock erwarten den Besucher zwei küssende Antilopen aus dem Senegal. Geradewegs blickt man von hier in Manets grünen „Wintergarten.

Der Künstler muss die zwei grazilen Tiere besonders gern gehabt haben. Drei Monate konnte er diese aus dem Antwerpener Zoo ausleihen. So lebten die drei gemeinsam in Bugattis Atelier, den jungen Mann sah man in dieser Zeit häufig auf dem Markt. Grünzeug musste her. Die Marktdame wird sich vermutlich über Bugattis täglichen Vitaminbedarf gewundert haben. Damals war diese „lebendige Anschauung“ möglich, weil die Zooverwaltungen in den großen Monopolen Künstler darin unterstützen. Tierparks dienten als Erziehungsanstalten, gerade was exotische Exemplare betraf. Gut möglich, dass er im Jardin des Plantes den einsamen Rainer Maria Rilke traf, dessen Gedicht „Der Panther“ von 1902 einen Tiger hinter Gitterstäben beschreibt. Auch Bugatti hatte ein Faible für diese schlanke Raubkatze.

Kurios ist, dass Bugatti im internationalen Museumsbetrieb schlichtweg vergessen wurde, dabei gibt es eine eingeschworene Sammlerschaft, die willens ist, jede Summe für ein Werk des Künstlers zu zahlen. Überhaupt sei er der teuerste Bildhauer der Welt, weiß Philipp Demandt, Leiter der Hauses, zu berichten. Die Mehrzahl der Exponate in der Nationalgalerie kommt demnach aus Privatbesitz. Den Nachlass übergaben Bugattis Nichte und sein Patensohn dem Musée d’Orsay in Paris. Über hundert Gipse werden dort heute konserviert.

Übrigens hat Bugatti nie studiert, schon als Kind modellierte er kleine Tiere, sein Dandy-Papa fand sie unter einer Decke in seinem Designmöbel-Atelier. Schnell ging es steil nach oben: Mit 16 Jahren stellte er seine erste Plastik in seiner Heimatstadt Mailand aus. Ein Jahr später war er bereits auf der Quadrinnale in Turin vertreten. Keine zwölf Monate später wurde er auf die Biennale in Venedig eingeladen. Der Galerist Hébrard nahm den noch nicht Volljährigen unter Vertrag. In seiner Bronzegießerei ist der große Rodin Kunde. Talente gab’s viele in der Bugatti-Familie: Rembrandts Bruder Ettore fertigte mit 17 seinen ersten Rennwagen.

Bugatti ist 31, 300 Tiere hat er bis dahin geschaffen. Doch der Krieg setzt ihm zu. Der Kunstmarkt bricht zusammen, schlimmer noch: viele Zoos müssen schließen. Es gibt keine Futter mehr, Tiere werden getötet. Er modelliert einen Tiger, der eine Schlange zertritt. Auch eine Christusfigur am Kreuz gibt ihm keinen Halt. Im Pariser Atelier dreht er am 8. Januar 1916 den Gashahn auf.

Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1-3, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Bis 27. Juli. Tickets: 12 Euro, Vip 30 Euro Führungen: So 15 Uhr, Do 18 Uhr.