Interview

„Ich habe mich wacker geschlagen“

Rufus Wainwright tritt heute in Berlin auf. Ein Gespräch über Karriere, Heirat und Homosexualität

Für seinen einzigen Deutschland-Auftritt hat sich Rufus Wainwright, 40, eine besondere Stätte ausgesucht: Es ist die Apostel-Paulus-Kirche in Schöneberg. Irgendwie ein logische Wahl: Seinen Ehemann, den Berliner Theaterproduzenten Jörn Weisbrodt, hatte er in der Berliner Passionskirche kennengelernt. Ausverkauft ist die heutige Vorstellung schon lange, der Titel der Tournee „Vibrate: The Best of Rufus Wainwright“ klingt vielversprechend. Steffen Rüth hat den Sänger getroffen.

Berliner Morgenpost:

Ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr findet in einem Gotteshaus statt – in der Apostel-Paulus-Kirche in Schöneberg. Wie halten Sie persönlich es mit der Religion?

Rufus Wainwright:

Meine Mutter war auf der Nonnenschule, sie wirkte schon teilweise angsterfüllend fromm auf mich. Sie sprach viel über Gott und den Glauben, manche Aspekte liebte sie, manche hatten sie traumatisiert, meine Schwester Martha und ich durchlebten das alles noch einmal mit ihr. Ich bin zwar nicht getauft und ging auch nicht regelmäßig zum Gottesdienst, doch diese alten katholischen Geister haben sehr stark auf mich eingewirkt.

Die Haltung der Kirche zu Fragen der Homosexualität wird Sie kaum begeistern.

Es ist eben die Kirche, manche Erkenntnisse brauchen länger, ehe sie sich dort durchsetzen. Die Kirche hat auch lange daran festgehalten, dass die Erde eine Scheibe ist (lacht).

Sie haben Jörn Weisbrodt im Sommer 2012 geheiratet. Haben Sie nicht immer gesagt, die Ehe sei nichts für Sie?

Sie haben Recht, das habe ich gesagt. Ich sehe das heute nicht mehr so, die Ehe ist toll. Zum Glück können Menschen ihre Ansichten ändern.

Was ist so toll am verheiratet sein?

Du kannst nicht mehr einfach weglaufen. Wenn du dich trennen willst, musst du zum Gericht, jemand muss sich amtlich darum kümmern. Ich finde das erleichternd in einer Welt, in der du so schnell so schwerwiegend falsche Entscheidungen treffen kannst. Ich müsste doch im Internet nur einmal einen falschen Knopf drücken, und meine Karriere wäre vorbei.

Dass Sie jetzt mit „Vibrate“ ein Best-Of-Album veröffentlichen, hat das damit zu tun, dass Sie nun älter als 40 Jahr alt sind?

Und ob. Die Platte ist ein verspätetes Geburtstagsgeschenk an mich selbst. 33 Songs, zweieinhalb Stunden Rufus, herrlich (lacht). Ich bin tatsächlich stolz darauf, wie ich mich als Künstler und als Mann geschlagen habe, nämlich wacker. Ich habe begriffen, was meine künstlerische Identität ausmacht, ich kann meine Arbeit ganz gut einschätzen, und ich habe aufgegeben zu glauben, ich könnte der größte Popstar der Welt werden – das befreit ungemein.

Sollte man mit 40 nicht ohnehin wissen, wo man steht im Leben?

Ich sehe oft Musiker in meinem Alter oder noch älter, die immer noch Probleme haben und nicht wissen, was sie machen sollen oder wer sie überhaupt als Künstler sein wollen. Ich bin dankbar und glücklich, dass ich tun und lassen kann, was ich will und dass genug Leute da sind, die das auch genießen.