Inszenierung

Kaleidoskop an der Schaubühne

Friedrich-Luft-Preis geht an Regisseur Falk Richter für seine Inszenierung „For the Disconnected Child“

Die alleinerziehende Mutter ist schwer vermittelbar. Der Coach von der Partneragentur will mit ihr ein neues Profil entwerfen, aber das vom Ehemann überlassene Haus bleibt groß und einsam, die Kinder jung und der Job anstrengend. Ursina Lardi spielt diese Tatjana, eine Frau um die 40, die von sich sagt: „Wir kennen uns im Grunde gar nicht, mein Leben und ich.“ Ein klassischer Falk-Richter-Satz, er fällt in seinem Stück „For the Disconnected Child“. Die an der Schaubühne herausgekommene Inszenierung erhält als „beste Berliner und Potsdamer Aufführung“ des vergangenen Jahres den Friedrich-Luft-Preis 2013 der Berliner Morgenpost.

In Falk Richters Uraufführung geht es um die Sehnsucht nach Nähe und die Unfähigkeit, diese auszuhalten. In einem immer heißer laufenden Markt der Beziehungen, Karrierechancen, Lebens- und Liebesentwürfe. Um permanentes Selbstoptimieren. Ein Suchen, Finden, Scheitern. Und um Tschaikowskys große romantische Oper „Eugen Onegin“. Tatjana liebt Onegin, sie weiß, dass sie mit diesem Mann den Rest ihres Lebens verbringen will – im 19. Jahrhundert haben solche Entwürfe noch funktioniert. Allerdings nicht mit Onegin, der an einen modernen Menschen erinnert, der auf seine Freiheit schwört und sich damit freiwillig dem allgegenwärtigen Zwang der unendlichen Wahlmöglichkeiten unterordnet.

Virtuose Verschmelzung

Eine zweistöckige Stahlkonstruktion mit kleinen Wohnwaben steht im Mittelpunkt der Bühne, der Hintergrund dient als Projektionsfläche für die Videosequenzen; vieles geschieht parallel. Tänzer fallen Treppen hinunter und durchmessen den Raum, Schauspieler erzeugen Klänge mit Alltagsgegenständen, Mitglieder der Staatskapelle spielen Neue Musik, für die sich verschiedene Komponisten auf Wunsch des Regisseurs auch von den zart schmelzenden Popklängen des isländischen Musikers Helgi Hrafn Jónsson, der ebenfalls live auftritt, inspirieren ließen. Dessen Abschlusssong „The world is so loud sometimes“ (Die Welt ist manchmal zu laut) klingt lange nach.

Die Jury bezeichnete die Inszenierung „als ein beeindruckendes Kaleidoskop, eine virtuose Verschmelzung verschiedener Genres“. Zur Jury des Friedrich-Luft-Preises gehören die stellvertretende Aspekte-Redaktionsleiterin Luzia Braun, der Gründungsintendant des Deutschlandradios Ernst Elitz, Autorin Lucy Fricke, die Schauspielerinnen Martina Gedeck und Claudia Wiedemer und Morgenpost-Kulturchef Matthias Wulff. Die Morgenpost verleiht den Preis seit 1992 im Angedenken an ihren 1990 gestorbenen Theaterkritiker Friedrich Luft. Die Auszeichnung ist mit 7500 Euro dotiert.

Den Titel seines Abends „For the Disconnected Child“ hat sich Falk Richter aus der Psychologie ausgeliehen, Fachleute bezeichnen damit Kinder, die kein Vertrauen und keine Verbindung aufbauen können, auch nicht zu ihren Eltern. Wie Tatjana, die zwar längst erwachsen ist, multimedial versiert und social medial vernetzt, aber Skype hat kein Erbarmen. „Unsere Verbindung ist gestört“ hört ihre Mutter in der Ferne und versucht immer wieder, Kontakt aufzunehmen, schließlich will sie wissen, ob es ihrer Tochter gut geht.

Falk Richter hat die Uraufführung nicht nur inszeniert, sondern auch geschrieben und sogar choreografiert, fünf Schauspieler, drei Tänzer und vier Sänger treten auf. Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm hat diese Produktion befördert, er kennt den heute 44-Jährigen noch aus Hamburg, dort hat Richter unter anderem bei Flimm Schauspielregie studiert. Die Koproduktion mit der Staatsoper hatte im vergangenen Sommer im Rahmen des „Infektion“-Festivals Premiere.

In Australien erreichte Falk Richter die Nachricht. „Das ist ja super, toll“, sagt er am Telefon. Er arbeitet dort gerade gemeinsam mit Choreografin Anouk van Dijk. Es ist die erste Probenphase für eine neue Arbeit für das Melbourne-Festival, Premiere ist im Herbst, die Uraufführung wird später auch an der Schaubühne zu sehen sein. Dort hat er mit Anouk van Dijk und einem Ensemble aus Tänzern und Schauspielern bereits „Protect me“ und „Trust“ herausgebracht. Auch Opern hat Richter schon inszeniert, darunter übrigens „Eugen Onegin“ in Wien, aber so genreübergreifend wie jetzt in „Disconnected Child“ hat er noch nie gearbeitet.

Dem letztlich einmütigen Votum der Jury ging eine lebhafte Diskussion voran. Sieben Inszenierungen waren für den Friedrich-Luft-Preis 2013 nominiert, in der Endrunde waren auch Katie Mitchells ebenfalls an der Schaubühne realisierte „Die gelbe Tapete“ und „X-Freunde“/Theater unterm Dach (Regie: Stephan Thiel) – das bemerkenswerte Stück von Felicia Zeller ist thematisch nicht weit weg von „For the Disconnected Child". Bis zum Schluss im Rennen um den Preis war „Gift“, das Christian Schwochow am Deutschen Theater mit dem wunderbaren Schauspielerduo Dagmar Manzel und Ulrich Matthes inszeniert hat. Schließlich aber setzte sich die innovativere Arbeit durch.