Kunstsache

Auf den Fisch gekommen

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Meine Freundin Emma ist irritiert. Sie liebt Fische, schaut sie sehr gerne unter Wasser an, aber das ist ihr noch nicht untergekommen! Fischsuppe „á la Marseillaise“, das Rezept liegt in der Galerie Kuckei + Kuckei aus. Also: Zwei Lauchstangen und zwei Zwiebeln samt Lorbeerblättchen machen den Sud aus für Langusten, Knurrhähne, Drachenköpfe und kleine Meeraale. „Und ein KG Felsenfische“ ruft Emma mir hinterher. Ob das tatsächlich schmeckt, weiß nur Gerhard Winkler.

Seit über zwei Jahrzehnten hat er immer wieder Fische fotografiert (und Hunde und Katzen), bevor er die Kiementiere dann für ein köstliches Mahl zubereitet hat. In seiner Ausstellung „Pour La Soup“ kann man sich von seinen ungewöhnlichen Ambitionen ein recht gutes Bild machen. Wer kein Fischlexikon zur Hand hat, hat es allerdings verdammt schwer. Die Mitarbeiterin der Galerie jedenfalls scheint alle Flossen zu kennen: den frechen Cantoril, den stolzen St. Piere und den aaligen Espado Branca IV. Die braven Sardellen in Viererreihen hingegen sind leicht zu identifizieren. Auf den Fisch gekommen ist Winkler, Jahrgang 1962, durch Lissabon, die Schöne am Meer. 1992 hatte er dort ein Stipendium; als er in einer der Markthallen einkaufte, kam er auf die Idee, einen Fisch-Fries in der großen Kuppel zu installieren. Um fünf Uhr morgens wurde das urbane Aquarium eröffnet, da kamen wohl die frisch gefangenen Fische rein mit den ersten Lieferungen.

Seither fotografiert Winkler „seine“ Fische auf einem weißen Untergrund, um sie dann mit feinster Ei-Lasur zu kolorieren, per Hand, digital ist hier nichts, darauf legt er Wert. Verblüffend, wie plastisch diese Fische dadurch erscheinen, jede Schuppe schimmert, in allen Farben dieser Welt, zumal die Tiere ja in Originalgröße vor weißem Grund abgebildet sind. Tatsächlich erinnern sie in ihrer farblichen Differenzierung an naturwissenschaftliche Studienserien. Übrigens: Den großen Schwertfisch, den hat Winkler nicht in den eigenen Topf verfrachtet. Zu groß. Für Winkler ist der Fisch noch lange nicht gar, er schreibt gerade an seinem „Krakenkaufen“, wuchtige 980 Seiten soll der Roman werden. Der Fischmarkt am Alten Hafen in Marseille soll eine wichtige Rolle spielen. Es lebe der Octopus!

(Kuckei + Kuckei, Linienstr. 158, Mitte. Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-17 Uhr. Bis 26. März)

Eindringlicher Sphärengesang dringt aus dem abgedunkelten Galerieraum. Katie Armstrong hat den Sound wohl in Judy Lybkes Dusche aufgenommen, betört vom Sound zwischen den Kacheln. Der Galerist hat der 25-Jährigen während ihres Berlin-Aufenthaltes Unterschlupf geboten. An der Wand im Eigen + Art Lab hängen nun lauter schwarzweiße Tuschzeichnungen – wie ein Storyboard. Zigaretten, Bücher, ein Rad, halt einzelne Szenen.

Ähnlich wie Winkler ist auch Katie Armstrong eine Handarbeiterin. Sie zeichnet und malt ihre Motive, scannt und animiert sie zu Videofilmen mit ganz eigenem Reiz und Charme. Funktioniert in etwa wie ein Daumenkino. So erzählt „Interlude“ von ihrer temporären Auszeit in der digitalen Welt, in der die New Yorkerin groß geworden ist.

Ohne Smartphone, ohne Laptop sitzt da das Mädchen vor dem offenen Fenster und schaut hinaus. Der Mond scheint, es regnet, es donnert, die Idylle der neuen Einsamkeit. Dichte Striche rieseln übers Bild, ein schwarzer Kasten rumpelt über schwarze Linien, die Berliner U-Bahn. Was Armstrong hier wunderbar vermitteln kann, ist ein ganz starke Atmosphäre über die reduzierten Zeichnungen. Mittels Bewegung und Musik bekommen diese Blätter ein ganz anderes Eigenleben.

Dass Katie Armstrong zur „Plag & Play“-Generation gehört, ist schnell klar. Da wird der Stecker gezogen. Und weg ist das Bild. (Eigen + Art Lab, Auguststr. 26. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 26. März. Künstlergespräch: 26.3., 19 Uhr)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien