Theaterkritik

Jetzt spricht das Mauerblümchen der Mythologie

Susanne Wolff spielt „Ismene, Schwester von“

Mühsam ist ihr Weg ans Licht: Durch eine kleine quadratische Öffnung kriecht sie uns auf allen Vieren entgegen. Das erste Wort: Ein heiser gekrächztes Flüstern. Kein Wunder, Ismene hat ewig nicht gesprochen. 3000 Jahre lang. Hat ja keiner gefragt. Es haben sich alle immer nur für ihre wahnwitzige Verwandtschaft interessiert. Für ihren Vater Ödipus, der unwissentlich die eigene Mutter heiratete und sich dann die Augen ausstach und für ihre Schwester Antigone, die sich mit flammendem Herzen und Willensstärke gegen die Gesetze stemmte. Da hatte eine wie Ismene keine Chance, bis die niederländische Autorin Lot Vekemans diesem Mauerblümchen der Mythologie mit ihrem Monolog „Ismene, Schwester von“ einen Soloauftritt spendierte. Regisseur Stephan Kimmig hat ihn mit Susanne Wolff für die Kammerspiele des Deutschen Theaters inszeniert.

Ismene bekommt für ihren Auftritt sogar einen Laufsteg (Bühne und Kostüme: Anne Ehrlich), der weit ins Publikum hineinragt. Einen allerdings, der den Umriss eines Sarges hat. Dort also steht die aus dem Totenreich kurzfristig Beurlaubte, mit zerzausten weißblonden Haaren und erzählt uns sehr jetztzeitig ihre Sicht der Dinge, was sie alles doof fand, damals, und auch das Schöne, das Herumtollen mit der Schwester dort, wo Papa damals die Sphinx besiegt hatte. Und dass sie eigentlich immer nur ein ganz normales Leben wollte, mit Mann und montags Waschtag.

Zwischendurch geht es auch um Substanzielleres, ob man sich seinem Schicksal widersetzen kann und darum, dass sie immer viel zu viel Schiss hatte, um mutig und entschlossen zu sein, meistens aber bleibt alles doch recht belanglos. So plätschert es eine Stunde lang dahin und schnell zeichnet sich ab: Dieser Text ist einige Nummern zu klein für so eine große Schauspielerin wie Susanne Wolff.

Die könnte in ihrem weiten blauen Hemd, den Turnschuhen und blauen Hosen auch frisch aus irgendeiner Anstalt getürmt sein. Zwar verweigert die Vorlage ihrer Figur leider jede klare Haltung, doch Susanne Wolff macht das Beste daraus, sie nimmt gerade dies als Herausforderung. Sie hat den Trotz im Blick, den spöttischen Zug der Zu-Kurz-Gekommenen und dennoch dringt aus jeder Faser die Gebrochenheit ihrer Figur. Sie setzt Pausen punktgenau, sie ist rau, hochmütig, aber auch kindlich, verletzlich.

Es ist, als verfüge Susanne Wolff im Innern über einen nie versiegenden Tank randvoll mit Gesten, Tönen und Ausdrücken, den sie präzise und situationsgenau anzapfen kann. Ein Fundus von unschätzbarem Wert, zumal, wenn man ganz allein auf der Bühne steht. Susanne Wolff ist wie geschaffen für diese Spielsituation, ja, sie sollte ganz unbedingt mehr Monologe spielen. Aber nicht unbedingt diesen.

Deutsches Theater (Kammerspiele), Schumannstr. 13a. Karten: 28 441 225. Termine: 27. März; 4. und 17. April