Konzert

Glückselig bis zur Schmerzgrenze

Indie-Pop macht selig – und fast taub: Bastille begeistern ihr Berlin-Publikum in der C-Halle

„Mein Deutsch ist so schrecklich“, kichert Dan Smith, Frontmann der Band Bastille schüchtern ins Mikrofon und fährt sich durchs Haar. Tanzen könne er auch nicht, behauptet er, während die Mädchen in der ersten Reihe fast in Ohnmacht fallen. 2500 aufgekratzte Fans begrüßten die vier Engländer in der ausverkauften C-Halle. Mit ihrem Chartstürmer „Pompei“ sind die Londoner berühmt geworden, in Deutschland mit ihrem Album „All This Bad Blood“ bestens für alternativen Indie-Pop bekannt.

Mit kraftvoller Stimme stimmt Frauenmagnet Dan Smith den ersten Song „Weight of Living, Pt. II“ an. Und verausgabt sich dabei so sehr, dass man sich fragt, wie er die restlichen 15 überhaupt durchhält. Nur kurz tupft er sich den Schweiß von der Stirn, dann greift er sofort wieder zum Mikro für „Blame“ und „Laura Palmer“. Freundlich ist er, kratzt sich leicht verlegen am Hinterkopf, der nette Junge von nebenan irgendwie.

Mit blütenweißen Sneakers hüpft Smith bei „These Streets“ auf den Verstärker, dann bittet er uns, einen Moment innezuhalten. „Poet“ stimmt er am Keyboard an, prompt verwandelt sich die Halle in ein Meer aus Smartphone-Lichtern. „You will live forever“ verspricht er uns. Und wenn Smith das sagt, dann muss das einfach stimmen. „Ich muss ein wenig die Stimmung ruinieren“, scherzt er nach seiner Schnulzenattacke. Zu 17 Songs singen, springen und kreischen sich glückliche Mädchen und Jungs in karierten Hemden und Röhrenjeans durch den Abend. Kaum ein Fan, der nicht das ganze Album brav mitgrölt. Ruft Smith „Jump“, wird das prompt gemacht. Ganz gleich, ob er ein Bad in der Menge nimmt oder auf der Bühne Pirouetten dreht: Dan Smith hat seine Fans fest im Griff.

Die Akustik ist perfekt, die Lichtshow phänomenal. Smith reißt die Arme hoch, greift zum Drumstick und verausgabt sich verschmitzt lächelnd bei „Things We Lost In The Fire“ an der Trommel. Hüpfend donnert er zu Laserattacken gnadenlos auf das Kunststofffell ein, auch die anderen Bandmitglieder dürfen mal ran. Den ganzen Abend wird hier getüftelt und hier und da etwas umgebaut. Da stehen sie dann zur Halbzeit auch mal zu zweit am Keyboard oder alle vier dicht nebeneinander. Hier spielt ja sowieso jeder jedes Instrument. Ein wenig Anarchie gehört bei Bastille eben dazu. Genauso wie der englische Charme. Das Publikum ist entzückt.

Eindrucksvoll beweist Bastille, dass Indie-Pop nicht nur selig, sondern auch fast taub machen kann. Selig wäre auch eine passende Bezeichnung für Gitarrist Will Farquarson. Der ist so hin und weg, dass aus dem Staunen gar nicht nicht mehr rauskommt. Während Smith an der Menge berauscht zu Höchstformen aufläuft, steht Farquardson irgendwann nur noch dauergrinsend da. Als könne er kaum glauben, dass all die Leute wirklich wegen ihm gekommen seien. Ein wundervoller Anblick.

Für den perfekten Abschluss werden dann auch die letzten Sehnsüchte erfüllt. Und „Pompei“ angestimmt. In der Columbiahalle gibt es kein Halten mehr. Ohrenbetäubend ist der Applaus, die Halle scheint zu explodieren. Schnell schießt Smith ein Foto, wer mag kann noch mit der Vorband Grizfolk schmusen und sich vor ihnen Autogramme an sämtliche Körperstellen kritzeln lassen. Ein großartiger Abend in Berlin.