Contra

Es wäre zu viel für mich

Patrick Goldstein ist Musikredakteur der Berliner Morgenpost

Dieses Konzert verpasse ich gern. Aus heutiger Sicht ist das größte Verdienst der Combo, dass sie sich nie aufgelöst hat. Das wiederum liegt gewiss auch daran, dass man als Promi ab der zehnten, elften Million beginnt, sich ein wenig zu langweilen. Man klettert wie Keith Richards im Urlaub auf Palmen, fällt herunter und redet anschließend noch wirreres Zeug als zuvor. Dann lieber touren. Doch viele übersehen vor Sehnsucht nach echten, nach nicht fabrizierten Stars, dass die Stones kaum ein ganzes Jahrzehnt lang, höchstens bis zum ’72er-Album „Exile on Main St.“, innovativ waren. Auf meinem iPod habe ich 36 Lieder dieser Combo. 36 Songs aus 50 Jahren! Rein rechnerisch liegen sie damit gleichauf mit Shakin’ Stevens und Harpo.

Der zweite Grund, weshalb ich ein Stones-Konzert nie überstünde: Schon lange vor Herzensbrechern wie „Angie“ oder „You can’t always get what you want“ kämen mir die Tränen. Kein Witz. Die Band ist der Beweis, dass die Idee vom Rock’n’Roll als Lebensphilosophie, als Ideal, als Hoffnungsträger am Ende nicht funktioniert hat. Wie viel Aufbruch herrschte noch 1967, im Sommer der Liebe. Bands und Fans verschworen sich zu einer Zukunft, die Verständnis, Vernunft und Harmonie bestimmen sollten. Dann wurde Heroin interessanter als Musik, Plattenbosse wurden zu Flugunternehmern und jemand brachte den Sänger von „Give peace a chance“ um. Ein Konzert der Stones steht immer auch für diesen Traum, der zum Albtraum wurde.