Konzert-Kritik

Zwei kleine Kinder erklären die Weisheit von Gilgamesch

Auf den letzten Drücker kommt Tim Renner in den Raum gestürzt, nimmt schwungvoll einige Stufen hinauf in die restlos ausverkaufte Zuschauertribüne.

Ende nächsten Monats wird er sein Amt als neuer Berliner Kulturstaatssekretär antreten, bis dahin muss er seine eigene Geschäftsnachfolge geregelt haben. An diesem Montagabend ist er noch als Musik-Unternehmer in die Tischlerei der Deutschen Oper gekommen, vorn auf der Bühne spielt die von seinem Label Motor Music vertretene Schweizer Band The bianca Story mit.

Eigens für Renners Ankunft wurde übrigens im Eingangsbereich eine Fernsehkamera nebst Interviewer mit Mikrofon aufgestellt. Normalerweise werden die Produktionen in der kleinen Probierwerkstatt kaum öffentlich wahrgenommen. Umso bemerkenswerter ist es, einmal zu erleben, wer sich so alles im Publikum einfindet, etwa Altbischof Wolfgang Huber oder der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman.

„Gilgamesh must die!“ heißt das Konzerttheater ihrer Wahl. Ein archaischer Stoff. Es war eine Sensation, als der Archäologe Henry Layard 1844 im Wüstensand Mesopotamiens die Tontafeln mit dem Gilgamesch-Epos fand. Es ist die älteste überlieferte Geschichte der Menschheit. Gilgamesch ist König und Tyrann, zu einem Drittel Mensch, zu zwei Dritteln Gott. Also sterblich. Sein Freund Enkidu wird von den Göttern getötet. Gilgamesch sucht nach der Unsterblichkeit. Ihm wird die Errichtung der ersten Stadtmauer zugeschrieben.

Eine Mauer aus Schaumstoffteilen wird gleich zu Beginn des Konzerttheaters eingerissen. Eine Gruppe Berliner Kinder und Jugendlicher hat in mehreren Probenmonaten eine leidenschaftliche Performance einstudiert. Es wird Text skandiert, getanzt, gekämpft, geliebt und gestorben. Videoeinspielungen gehören heutzutage eh zum Handwerk aller Crossover-Projekte. Zwischendurch wird die Bühne mitsamt Band durch den Raum geschoben. Das Quintett präsentiert seine Art-Pop-Songs zumeist mit der dunkelsamtigen Stimme von Elia Rediger. Von den stimmigen Satzgesängen der Bandmitglieder hätte man sich einiges mehr gewünscht. Denn wo die große Oper gern besinnlich verharrt, hämmert The bianca Story lautstark weiter.

„Gilgamesh must die!“ hat viel Energie und einigen Charme. Dazu gehört die Einbindung der atemvollen Mezzosopranistin Christina Sidak, eine Stipendiatin am Opernhaus, als düstere Göttin. Schauspielerin Natalina Mugglie ist eine Art Spielmacherin und Gegenspielerin. Die bezauberndste Idee von Regisseur Daniel Pfluger ist es, die Weisheiten über Leben, Tod und Unsterblichkeit von zwei kleinen Kindern altklug vortragen zu lassen. Das Lachen befreit den Stoff von mancher Schwere. Schließlich soll der anderthalbstündige Abend vor allem eines: unterhalten.

Deutsche Oper (Tischlerei), Bismarckstr. 35. Karten: 34 38 43 43, Termine: 20.-22. und 25.3., 20 Uhr