Nachruf

Eine Frau für alle Fälle

Mareike Carrière, der Star aus „Großstadtrevier“ und „Praxis Bülowbogen“, erlag ihrem Krebsleiden

Den Tod empfinde sie als etwas ganz Spannendes, weil wir alle so vehement versuchten, ihn auszublenden, sagte sie einmal. Sie selbst versuchte dies nie, doch ihren zwei Jahre währenden Kampf gegen die größte Gemeinheit des Lebens hat Mareike Carrière zu keiner Zeit öffentlich geführt. Kaum jemand wusste von der Diagnose Blasenkrebs, von den Operationen, der Chemotherapie, den Metastasen. Noch im vergangenen Jahr stand sie für den Fernsehfilm „Frühlingsgefühle“ gemeinsam mit Simone Thomalla vor der Kamera – mit einer Perücke. Wer einmal genauer hinsah, sich wunderte und fragte, dem antwortete sie häufig: „Ach, mir ist nur etwas flau.“

Und so ist sie dann auch in der Nacht zum vergangenen Montag ganz still gestorben. Ihre Familie war bei ihr als sie ging, mit gerade mal 59 Jahren. „Mareike Carrière hat sich schauspielerisch nie auf bestimmte Typen fixieren lassen“, sagte NDR-Intendant Lutz Marmor. „Ihre große Stärke war die Vielseitigkeit - vom Serienstar bis hin zur Charakterdarstellerin. Das Fernsehen verliert eine eindrucksvolle Persönlichkeit.“ Das Theater aber auch.

Sich nicht auf Rollen festlegen zu lassen: Darin stand Mareike Carrière ihrem vier Jahre älteren Bruder Mathieu, dem man bereits 1965 als 15-Jährigem nach seiner Hauptrolle im „Jungen Törless“ von Volker Schlöndorff eine Weltkarriere prophezeit hatte, in nichts nach. Doch während Mathieus Leben stets durch extreme Fallhöhen bestimmt wurde – von der Ritterwürde der französischen Ehrenlegion 2001 bis zum Dschungelcamp 2011 –, verlief die Karriere seiner Schwester irgendwie unauffälliger, aber letztlich erfolgreicher, nachhaltiger. Für die Eskapaden ihres Bruders habe sie sich nie „geschämt“, sagte Mareike Carrière einmal. Seinen Dschungeltrip habe sie eher als mutig empfunden. Die Geschwister standen sich Zeit ihres Lebens nahe, wohl auch, weil sie es trotz aller gemeinsamer Anstrengungen nicht geschafft haben, ihren jüngeren Bruder Till, der ebenfalls das Schauspielfach belegt hatte, davon abzuhalten, sich mit Mitte 20 das Leben zu nehmen. Über seine Schwester sagte Mathieu: „Mareike aber weiß viel mehr, was sie tut. Sie besitzt mehr Schamgefühl, mehr Würde. Sie ist die Klügere und die Emotionalere von uns beiden.“

Mit 16 schmiss sie das Gymnasium

In über 250 Filmen hat die hübsche Frau mitgewirkt. „Ich bin Schauspielerin geworden, weil ich menschliches Verhalten ergründen und in meinen Mitmenschen etwas bewegen wollte. Es gibt für mich kaum etwas Spannenderes, als mich in jemand anderen zu versetzen und die Welt mit seinen Augen zu sehen“, beschrieb sie ihren Traumberuf, der von ihren Eltern von Anfang an gefördert wurde. Mareike Carrièrs Vater war Psychoanalytiker. Er vertrat die Ansicht, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg finden müsse. Ihre Mutter wäre selbst gern Schauspielerin geworden, hatte sich jedoch gegen ihren Vater nicht durchsetzen können. Die Lübecker Theater wurden zum zweiten Wohnzimmer von Mareike Carrière, das Laienspieltheater ihr zweites Zuhause. Mit 16 schmiss sie das Gymnasium, absolvierte erst die Schauspielschule und machte dann doch das Abitur nach – als Schlechteste ihres Jahrgangs. Nun war sie frei, bereit für die große weite Welt, die sie in Paris für sich eroberte, wo sie an der Sorbonne Anglistik und Romanistik studierte und ein Übersetzerdiplom errang. Nebenbei spielte sie Theater, finanzierte sich ihren Pariser Aufenthalt durch Gelegenheitsjobs – und mit Poker.

Zurück in Deutschland suchte sie nach einer Schauspielagentur, ging Klinkenputzen und schrieb Dutzende von Bewerbungen mit der Hand. 1977 ergatterte sie endlich ihre erste Filmrolle in „Der Taugenichts“ von Bernhard Sinkel. Ein Jahr später wurde sie von Eberhard Schubert unter rund 1000 Bewerberinnen für die Hauptrolle im Nazi-Drama „Flamme empor“ ausgewählt, für die sie den Deutschen Kritikerpreis erhielt. Plötzlich war sie berühmt, aber sie habe nie für Ruhm, Ehre, Preise gearbeitet. Ihr sei es nur darum gegangen, Menschen zu berühren und dabei wahrhaftig zu wirken.

Parallel Polizistin und Ärztin

Parallel zu ihrer Filmkarriere spielte sie immer häufiger Theater. Doch ihr Engagement an den Berliner Kammerspielen 1983 war erst einmal das letzte auf der Bühne, für rund 20 Jahre. Denn durch ihre Rolle der Polizistin Ellen Wegener in der ARD-Serie „Großstadtrevier“ (1984-1993) wurde Mareike Carrière nun richtig populär, ein gefragter Serienstar im Vorabendprogramm. Aus der Rolle der „patenten und offenen Frau, die ihren Mann steht“, switchte sie parallel in die Figur der melancholischen Ärztin Kathrin Brockmann in „Praxis Bülowbogen“ (1986-1995) die sich (außer in ihrer Beziehung zu Günter Pfitzmann) schwer tut mit Männern. Und schon war sie die Lehrerin in der „Schule am See“ (1996-1999) und hatte viel Spaß an der prolligen Bauarbeiterbeaufsichtigerin Gerda Wiesenkamp in der Pro7-Serie „Was nicht passt, wird passend gemacht“.

Und immer noch kein Skandal. Auch ihre Trennung vom Filmproduzenten Joachim von Vietinghoff, mit dem sie von 1981 bis 1994 verheiratet war, erzeugte kein Schlagzeilengewitter, obwohl sie schon ein Jahr vor ihrer Scheidung nach Hamburg zog, wo der Zahnarzt Gerd Klement lebte, den sie vier Jahre später heiratete. In der Hansestadt unterstützte sie das Hospiz Hamburg Leuchtfeuer und engagierte sich als Repräsentantin von Unicef. „Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind eben nicht nur auf dem Theater“, sagte sie einmal schlicht und fügte hinzu: „Ich bin überzeugt, dass mir alles, was passieren soll, passiert. Und das, was mir passiert, ist ein Geschenk.“ Bestimmt hätte Mareike Carriére damit auch ihren Tod gemeint, der für sie letztlich eine Erlösung war.