Kino

Vater, Mutter, Schläge

Der Venedig-Gewinner „Die Frau des Polizisten“ laviert beim Reizthema häusliche Gewalt

Der deutsche Autorenfilm leidet unter einer hartnäckigen Krankheit. Dem Nicht-erzählen-wollen-Syndrom. Filme drehen wollen sie zwar schon, die hiesigen Regisseure. Aber Geschichten erzählen, das ist nicht so ihres, vor allem nicht mit den Mitteln des klassischen Erzählkinos. Lieber spielt man mit Auslassungen und Leerstellen. Nun mag das epische Kino in der Tat zuweilen ein wenig ausgelutscht wirken, Verweigerung allein aber macht noch keinen Film. Dieser Vorwurf wird immer wieder der Berliner Schule gemacht, die das Nicht-erzählen-Wollen geradezu zur Kunstform erhoben hat. Aber allein ist sie damit nicht. Das Musterbeispiel eines solchen Films jedenfalls, das diese Woche ins Kino kommt, ist von Philip Gröning, der aus München stammt und somit über jeden Berliner-Schule-Verdacht erhaben ist.

Es wird nur gezeigt, nichts erklärt

Gröning hat 2005 mit „Die große Stille“ reüssiert, einer 162-minütigen Dokumentation, die ihren Titel wörtlich nahm und einem Mönchsorden der Kartäuser beim Schweigen zusah. Das war radikal. Und verlangte dem Publikum äußerste Konzentration ab. Das ist aber nichts im Vergleich zu seinem Spielfilm, der nun gar auf 178 Minuten kommt. Auch „Die Frau des Polizisten“ mutet erst mal fast dokumentarisch an. Wir sehen eine deutsche Kleinfamilie – Vater, Mutter, Kind –, wie sie gemeinsam fernsieht, wie sie an Ostern Eier sucht. Wie der Papa, ein Streifenpolizist, zur Arbeit geht und seine Frau sich rührend und liebevoll um die vierjährige Tochter kümmert. Dass die Hauptdarsteller Alexandra Finder und David Zimmerscheid noch weithin unbekannt sind, unterstreicht den quasi-dokumentarischen Charakter. Ein deutsches Idyll, möchte man meinen. Bis plötzlich, da ist schon eine halbe Stunde vorbei, der Mann seine Frau schlägt. Und es immer wieder tut.

Häusliche Gewalt: ein Reizthema. Und keine Seltenheit. Jede vierte Beziehung in Deutschland soll laut einer repräsentativen Studie davon betroffen sein. Philip Gröning greift das auf. Und auch wieder nicht. Er psychologisiert nicht, erklärt nicht, wertet nicht. Er zeigt immer nur. Die (wenigen) Ausbrüche der Gewalt. Die (vielen) blauen Flecke der Frau, über die der Mann manchmal behutsam streicht, wie um zu trösten, obwohl er doch der Verursacher ist. Der gemeinsamen Tochter wird er einmal erzählen, dass die Mama an einer seltenen Krankheit leide und immer gleich Flecke bekomme, wenn sie sich kratze.

Das ist der Moment, wo wir wieder auf die andere Krankheit zurückkommen müssen, das Nicht-erzählen-wollen-Syndrom. Gröning verweigert sich nämlich radikal dem linearen Erzählen, indem er seine Geschichte in eine strenge Form zwingt und in Fragmente aufbricht. 59 Kapitel, die mit Schwarzblenden ein- und abgeführt werden. Jede beginnt mit der Zwischenzeile „Anfang Kapitel X“ und endet mit „Ende Kapitel Y“. Allein das, so hat man nachgestoppt, macht 17 Minuten des Filmes aus. Ein ermüdender, auch ein wenig prätentiöser Rahmen, der natürlich Distanz zum Gezeigten schaffen soll.

Ein Puzzle aus Fragmenten

In den Kapiteln werden immer nur einzelne Momente gezeigt. Momente, die irritierend dem Vorherigen widersprechen. Da liegt das Paar wieder kosend beisammen oder spritzt sich kichernd nass. Keine Chronik der häuslichen Gewalt also, eher Schlaglichter. Keine Entwicklung, nur quälende Wiederholungen. Das grandiose Spiel von Alexandra Finder, die als Opfer immer ohnmächtiger, immer erstarrter wird, die geradezu verstummt und erlischt, ist das einzige lineare Moment in diesem Film.

Warum der Mann seine Frau schlägt, dafür gibt der Film wenige Anhaltspunkte. Ob seine immerhin titelgebende Arbeit damit zu tun hat, darüber grübelt der Zuschauer bald. Aber es bleibt ihm überlassen. Der Film sieht nur zu. Und macht es sich damit vielleicht ein wenig einfach. Zwischendurch schneidet er auch mal in die Flora und Fauna. Da guckt uns ein Vogel im Wald an oder huscht ein Fuchs durch die Kleinstadt. Kapitelanfang. Kapitelende. Immer wieder ist auch ein alter Mann bei Alltagsverrichtungen zu sehen, beim Zwiebelschneiden, Anziehen, Spazierengehen. Ist das der Vater des Polizisten? Oder gar der Polizist selbst, im Alter? Der Zuschauer wird es nie erfahren. Der alte Mann, sagt Gröning, „ist ein Rätsel, für mich selber auch“.

Gröning hat ohne große Dialoge gefilmt. Ohne Drehbuch, meint er, drehe er eh’ am besten. Vielmehr will er mit der Kamera wie mit einem Pinsel arbeiten, „ungeplant und lebendig, den Bildern zuschauen, wie sie entstehen.“ So entsteht ein Puzzle, das man sich selbst zusammensetzen muss. Man erfährt viel über den Stilwillen des Filmautors, aber nur wenig über häusliche Gewalt. Warum die Frau nicht irgendwann ihr Kind schnappt und abhaut oder sich wenigstens jemandem im Ort anvertraut. Wir kriegen nicht viel mit von der Umwelt, von ein paar Eindrücken der Verkehrspolizei einmal abgesehen. Überwiegend verharrt die Kamera in der Dreierkonstellation im Eigenheim, das langsam zum Gefängnis wird. Und wenn es gar zu erdrückend wird, lässt man halt noch mal den Fuchs los.

„Die Frau des Polizisten“ war im vergangenen September der einzige deutsche Beitrag beim Filmfestival in Venedig. Und hat den Lido nachhaltig gespalten. Nicht wenige aus dem Publikum verließen entnervt das Kino, und als der Film am Ende den Großen Preis der Jury gewann, gab es nicht nur Applaus, sondern auch Buhrufe. Natürlich sollte man Experimenten und neuen Erzähltechniken immer aufgeschlossen sein. Aber wenn über die Form der Inhalt zur Nebensache wird, dann hat der Film versagt. Vor allem, wenn es um ein solch wichtiges Thema geht wie hier.