Theater-Kritik

Der pedantische Deutsche nervt mit seinen Nachfragen

Kriegsrecherche: Yael Ronen inszeniert „Common Ground“

Am Ende stehen die vielen Holzkästen, die zu Beginn vor dem Eisernen Vorhang aufgetürmt waren und zwischenzeitlich zu Chaosspielbällen wurden, als Mauer vorne an der Rampe. Sie könnte ein Bild dafür sein, dass jetzt, nach den gut 100 Minuten Kriegsrecherche, alles wieder seinen Gang geht, die Fronten geklärt, die Konflikte in der Gruppe bewältigt sind, Erinnerungskisten, in denen alles verstaut ist. Sie könnte aber auch Sinnbild sein für die vielen Grenzen, die Jugoslawien heute in viele kleine Staaten teilt mit säuberlich getrennten Ethnien, die die Probleme der Region eher symbolisieren als lösen. Vielleicht sind sie auch nur gestapelte Särge.

„Common Ground“ ist nach „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ die zweite Arbeit von Hausregisseurin Yael Ronen am Gorki-Theater. Für ihren Rechercheabend über die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Jugoslawien zwischen 1991 und 1995, in denen Hunderttausende Menschen starben, hat sie fünf Schauspieler zusammengesucht, die in Jugoslawien geboren wurden und heute in Deutschland leben. Sie waren Kinder, als sie mit dem Krieg konfrontiert wurden, die jüngsten vier und fünf Jahre alt, Serben, Bosnier und Kroaten. Dazu kommen Orit Nahmias als die Israelin, die alles mit dem Palästina-Konflikt vergleicht, und Niels Bormann, der pedantische Deutsche, der alles ganz genau wissen will und die Leute mit Verschwörungstheorien nervt.

Der Abend hängt anfangs noch etwas durch, wird aber äußerst intensiv, sobald die Schauspieler ihre gemeinsame Reise nach Bosnien nacherzählen. Ihre innere Zerrissenheit, die Konflikte und Zweifel, die Selbstbeobachtungen und Reflexionen kulminieren, als sie eine Bosnierin treffen, die ihnen detailliert erzählt, wie oft sie vergewaltigt und gequält wurde. Da hat sich längst die Frage erübrigt, wer hier die besseren Schauspieler sind (wobei neben Dejan Bućin besonders Ensemble-Mitglied Aleksandar Radenković und Vernesa Berbo berühren).

„Common Ground“ ist Ronens bislang düsterster Abend. Man spürt, wie nah er einigen Schauspielern geht. Und diesem Seelenstriptease beizuwohnen, ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber gerade darin liegt seine Kraft. Wie viele der Produktionen am Gorki kann man ihn lieben, sich über ihn streiten, sicher auch ärgern. Aber er lässt einen nicht kalt. Dazu ist er zu unmittelbar, weil die Grenzen zwischen Schauspieler und Mensch fließend werden. Und weil die Schicksale, von denen sie erzählen, so sehr an die Nieren gehen.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Karten: 20 22 11 15, Nächste Termine: 12.-14. April; 2. Mai.