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„Na, dann klagen Sie mal“

Als der Schriftsteller Ralf Bönt vor 21 Jahren nach Berlin zog, lehrte ihn erst Lichtenberg und dann Prenzlauer Berg das Fürchten

Es stimmt, der Prenzlauer Berg ist nicht mehr wie er in den zwanzig Jahren nach dem Mauerfall gewesen ist. Aber ich weine ihm keine Träne nach oder wenn doch, dann nur eine. Ich gehöre zur ersten Generation Westdeutscher, die seit dem Mauerfall in das Viertel einwanderte. Von München aus hatte ich 1993 zuerst eine Wohnung in Lichtenberg gefunden, unweit vom Nöldnerplatz. Ich bezahlte siebzig Mark Miete für siebzig Quadratmeter. Die Nachbarn stemmten in den Fenstern ihre Ellbogen in die Kissen, als wir den Leihanhänger ausluden, und riefen: „Da kommen die ersten!“ In der Wohnung ragten noch die Rohre der Gaslichter aus den Decken, man hatte Elektroleitungen durch sie verlegt. Das Wasser lief durch Bleirohre, was mir später große Probleme bereiten sollte.

Dem Vormieter hatte man wegen einer geplanten Sanierung, die dann abgesagt wurde, gekündigt. Er war in dieser Wohnung geboren worden und jetzt um die fünfzig, erzählte man mir im Laden an der Ecke. Man wusste aber nicht, wohin er gezogen war. Jedes zweite Mal, wenn ich den Stecker meiner Stereoanlage oder des Staubsaugers in eine Steckdose steckte, gab es einen Knall und einen oder drei Meter entfernt qualmte es schwarz aus der Wand. Nach einigen Wochen blieb noch eine Steckdose mit Strom.

Berlin gehört saniert

Im Viertel dominierte der Einzelhandel von Blumen und Dessous, und als ich einen Laden für Autoteile betrat, rief der Besitzer bevor ich ein Wort sagen konnte zu: Haben wir nicht! Die Putzfirma unseres Hauses wässerte die Stufen lieber, als dass sie sie wischte, alle Türen waren kaputt, ein paar Scheiben zerbrochen, so entstand auf den Stufen eine geschlossene Eisfläche. Das hielt die Hausverwaltung nicht davon ab, eine Mieterhöhung zu verlangen mit der Begründung, das Haus sei in solch gutem Zustand. Sie ging vor Gericht und verlor, denn der Richter war morgens vor dem Termin am Haus vorbei gefahren. Im Schritt-Tempo.

Als ich mich ein paar Tage später mitten im Aufstieg zum ersten Stock mit beiden Händen am Geländer festhielt, als trainierte ich für eine geriatrische Zukunft, hielt ein nagelneuer 500er Mercedes vor dem Haus. Zwei beleibte Menschen stiegen aus und stellten sich als Hausverwalter vor. Ob sie nicht mal die Scheiben und Türen in Ordnung bringen wollten, fragte ich, ohne das Geländer loszulassen, und die Frau blaffte, ich sei wohl in der S-Bahn geboren. Das war kein Spruch eines Wessies, und auch die zweite Klage auf etwas weniger Mieterhöhung ging den beiden Geschäftsleuten verloren.

Wegen des Schwamms zogen einige Mieter, auch sie alle gerade aus dem Westen hergekommen, aus. Ein von der Hausverwaltung gesandter Bauingenieur meinte mit Blick auf den Kabelsalat in meinem Flur, es sei ein Wunder, dass die Hütte noch nicht abgebrannt sei. Ich hatte mittlerweile Kontakt zum Hauseigentümer, handelte eine Auszugsprämie aus und begann die These zu vertreten, dass Morbidität Spaß mache, aber nicht konservierbar sei. Berlin gehöre saniert. Mancher Freund war entsetzt, denn dann würden die Mieten steigen. Ich ließ mich auf die Warteliste einer Genossenschaft setzen, die es auch in der DDR schon gegeben hatte. Sie kaufte Häuser und sanierte sie.

Im Prenzlauer Berg war der Smog nicht ganz so schlimm und der Weg zur Kommandantur kürzer. Ein Drittel der Bauleistung erbrachten die Genossen selbst, die später einzogen. Nach einem Albtraum an Mietzahlungen, den ich in München erlebt hatte, schien mir das ideal. Meine Lebensgefährtin wollte mit dem Einsatz lieber eine Wohnung kaufen, aber ich scheute das Risiko und misstraute dem Geld oder dem Besitz oder beidem: Ein Vermächtnis der 68er, schätze ich. Überraschend kam ich in die Situation ein Dachgeschoss am Helmholtzplatz sanieren zu können. Unglaublich dachte ich, ich komme aus der Mietschraube heraus. Aber ich hatte den Warnschuss aus Lichtenberg nicht verstanden und sollte mein blaues Wunder erleben.

Drei Jahre schufteten wir. Ich war am ersten Tag auf dem Bau und entrümpelte Keller, die Lunge schmerzte noch sechs Wochen danach. Meine Lebensgefährtin war die letzte beim Streichen des Fußbodens im Fahrradraum. Damals war ich oft krank, das Blei und der Schimmel sollen dazu beigetragen haben, ich kaufte anderen Genossen Selbsthilfestunden ab. Irgendwann zogen wir ein. Der Whisky im Café nebenan kostete eine Mark, der Helmholtzplatz war eine Betonwüste, Parkplätze gab es immer, an Weihnachten verwandelte sich das Viertel in einen aufgegebenen Friedhof. Im Rest des Jahres war nachts an Schlaf selten zu denken.

Dann kam die Räumungsklage. Meine Lebensgefährtin habe dem Tischler den Schlüssel abgepresst, mit dem wir illegal eingezogen seien. Er wog geschätzt das Doppelte von dem, was sie auf die Waage brachte, der Tischler. Übersehen hatte die Genossenschaft auch, dass in meinem Arbeitszimmer extra allerlei Lärmdämmung eingebaut worden war. Schließlich wollte ich da schreiben. Nach über einem Jahr Papierkrieg hatte der Richter ein Lächeln für die Genossenschaft, es ging über den Brillenrand. Sie setzte sich auch mit weiteren Räumungsklagen nicht durch, hatte daran aber offenbar Spaß. Ich habe die Klagen und Mahnungen nicht gezählt. Wohnungsgröße, Mieterhöhung, Mietschulden, nicht einmal gab ein Richter der Genossenschaft Recht.

Wir sind alle Touristen

Dafür verbrachte ich Weihnachten schon mal bei 13 Grad. Am Ende des defekten Stranges gelegen, liefen meine Heizkörper als erste leer: „Immer,“ so hieß es, „sind Sie es, der sich beschwert.“ Wasser im Dach? „Na, dann klagen Sie mal.“ Als reihum die Häuser zum ersten, dann zum zweiten Mal leergezogen wurden, um die erste und die zweite Aufwertung mit Balkonen und Fahrstühlen vorzunehmen, wurde es nachts ruhiger. Es kamen Bars, in denen der Café schmeckte, manchmal sogar der Kuchen. Die Zahl der Hunde nahm ab. Ich gebe zu, dass die dritte Welle mir jetzt den Prenzlauer Berg unsympathisch macht: Nippes und inszenierte Currywurst haben den einst genialen Einzelhandel verdrängt. Im „Sowohl als auch“ wird immer noch königlich gebacken, aber man wird bedient wie an der Piazza della Signoria. Wenn man sich im Sommer dorthin setzt, glotzt das defilierende Publikum in der Hoffnung einen Fernsehstar zu Gesicht zu bekommen. Am Helmholtzplatz verbieten amerikanische Mütter ihren für tausend Euro eingekleideten sechsjährigen Kindern in den Sand zu laufen, und die Zuziehenden zahlen analphabetische Preise für die Proletarierwohnungen.

Aber das war absehbar, denn vor uns waren welche, wie nach uns welche kommen werden. Mit einem westlichen Kapitalismus hat das nicht viel, mit dem Wesen des Menschen dagegen viel zu tun. Solche Orte wird es immer geben. Wir sind alle Touristen und ich habe nichts gegen das Reisen. Nur geht leider die Genossenschaft, entgegen aller Beteuerungen anders zu sein als die anderen, mit jedem Anstieg des Mietspiegels erneut vor Gericht. Ach, hätte ich ihnen bloß damals nicht mein Startkapital gegeben, sondern damit eine Wohnung gekauft. Ich würde jetzt an die zweite Generation verscheuern und könnte mit dem Geld in den Wedding ziehen, zu den Künstlern.