Kritik

Dudamel auf der Titanic

Der Dirigent aus Venezuela gastiert regelmäßig bei den Berliner Philharmonikern. Ein offener Brief bringt ihn in Bedrängnis

Die gelb-blau-rote Nationalfahne lag auf dem Holzsarg, als Venezuelas Regierungschef Hugo Chávez vor einem Jahr beerdigt wurde. Einer der acht Sargträger, der am Kopfende das achtköpfige Defilee aus Sportlern, Militärs und Politikern anführte, war der Dirigent Gustavo Dudamel, Chef des Simon Bolivar Jugendorchesters und der Los Angeles Philharmonics – und einer der Favoriten im Rennen um die Nachfolge von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern. Er trug schwarzen Anzug, hielt ein kleines Mädchen an der Hand, und auf seiner Brust hing ein Orden seiner Nation. Später dirigierte er, mit viel Pathos, die Nationalhymne.

Knapp ein Jahr später, im Februar dieses Jahres, tobten in Caracas blutige Straßenschlachten gegen die Regierung des Chavez-Erben Nicolás Maduro. Eine junge Generation fordert das Ende von Repressionen und Zensur und kämpft gegen die Staats-Korruption – ihr Ziel ist Freiheit und das Ende des Sozialismus. Über zehn Menschen sterben. Am Höhepunkt dieser Ausschreitungen, am 12. Februar, war Gustavo Dudamel ebenfalls in Venezuela. Er dirigierte ein gut gelauntes Konzert zum Tag der Jugend.

Nun klagt die Star-Pianistin Gabriela Montero, sie kommt ebenfalls aus Venezuela, Dudamel in einem offenen Brief als Musiker an, der sein menschliches Gewissen zu vergessen droht. „Die Zeit ist gekommen, dass ich als Künstlerin, Venezolanerin, als Frau und Mutter diesen Brief an Jose Antonio Abreu und Gustavo Dudamel schreiben muss. Bislang habe ich das aus Respekt und Zuneigung zu Gustavo nicht getan.“ Montero wirft dem Gründer des Orchesters und dem Chefdirigenten vor, „dieses Konzert gegeben zu haben, während ihr Volk massakriert wurde.“ Montero vergleicht die Situation in ihrer Heimat mit der Titanic: „Das Streichquartett an Bord spielte, während das Schiff sank. Die Musik hat nicht geholfen. Die Musik hat sie nicht gerettet. Und ebenso sinkt Venezuela, und El Sistema wird mit dem Land versinken. Wir haben den Scheitel überschritten. Musik, Ambitionen und Ruhm werden unbedeutend gegenüber dem menschlichen Leid.“

Gustavo Dudamel ist das Wunderkind dieses venezolanischen Systems. Der Nähe des Orchesters zum System Chavéz ist der Dirigent in Interviews bislang immer aus dem Weg gegangen. Das Simon Bolivar Jugendorchester sei zwar vom Staat finanziert, nicht aber vom Staat geführt, betont Dudamel gern – nichts wäre auf Anweisung des damaligen Staatschefs passiert, man sei autonom. Das aber ist nicht richtig. Das Orchester spielte bei Chavéz Geburtstagen, bei Staatsfeiern und bei seinem Tod.

Dudamel selbst bleibt bei seiner bewährten Argumentation. Knapp konterte er Monretos Vorwürfe: „Der 12. Februar ist ein besonderer Tag, weil an diesem Tag das Simon Bolivar Orchester gegründet wurde, das ein Emblem und eine Flagge wurde, die unser Land nach außen repräsentiert hat. Unsere Musik repräsentiert die weltweite Sprache des Friedens. Auch deshalb betrauern wir die gewaltsamen Ereignisse. Wir erklären uns uneingeschränkt zur Gewaltlosigkeit und zu einem ‚Ja’ zum Frieden.“ Kein Wort über die Aufstände und die staatliche Gewalt.

Seine Erklärung ist symptomatisch für Gustavo Dudamel, der weiß, dass er Abreau und dem Sistema seine Karriere zu verdanken hat, der gelernt hat, zwischen künstlerischer Freiheit und politischer Abhängigkeit zu lavieren. Auf der einen Seite steht er bedingungslos hinter El Sistema, weil er weiß, dass es Kindern in seiner Heimat eine Chancen bietet – er selbst war schließlich Nutznießer und ist heute Staatsheld, Identifikationsfigur und Privilegienträger. Auf der anderen Seite weiß Dudamel, der Karrierist, auch, dass seine Karriere im Westen ein bedingungsloses Bekenntnis zu Chávez und seinen Erben ausschließt. Aktive Opposition würde allerdings zum Verlust seiner venezolanischen Wurzeln führen, das gesamte Orchesterprojekt gefährden – und damit auch das Image, das Dudamel in den USA und Europa hat. Dudamel hat sich entschlossen, seine Zugeständnisse an das Regime in Venezuela durch die Freiheit der Musik zu erklären. Doch diese scheint es, das macht Gabriela Montero nun klar, nicht zu geben.

Bislang galt der 33jährige Dirigent als einer von zahlreichen Anwärtern für die Nachfolge von Simon Rattle: Gemeinsam mit Lang Lang und den Berliner Philharmonikern hat er eine CD aufgenommen, gastiert regelmäßig mit dem Orchester – und wird von den Musikern für seine akribische und energische Art geschätzt. Dudamel ist jung, aber als Chef in Los Angeles erfahren. Seine Förderer waren Daniel Barenboim und Claudio Abbado. Die aktuelle Dabatte um seine Positionierung zum Chávez-System könnte seine möglichen Chancen bei den Berliner Philharmoniker nun stark verringern.

Wie schnell Politik eine Orchester-Entscheidung brisant werden lässt, ist derzeit in München zu sehen. Dort haben die Philharmoniker den russischen Dirigenten Valery Gergiev gewählt und müssen seither Krisenmanagement betreiben, weil er sich regelmäßig als Putin-Freund outet, dessen Homophobie teilt und den Einsatz an der Krim befürwortet. Um Musik geht es in München schon lange nicht mehr. Und die Theorie, dass ein Chefdirigent sich aus dem Weltgeschehen heraushalten kann, ist schlichtweg unhaltbar.